2. Lebensweltanalyse in den Sozialräumen Dudweiler und Quierschied
(Nils Pagels, Tobias Heckmann, Pia Meiers-Heisel)

Als wissenschaftlicher Beitrag zur Neuausrichtung bzw. Überarbeitung der Haus- und Rahmenkonzeption(en) der Jugendzentren im Regionalverband Saarbrücken wurde eine umfassende Befragung von Jugendlichen und ExpertInnen durchgeführt, die im weitesten Sinne als Sozialraum- und Lebensweltanalyse (vgl. Stange 2007, Stange et al 2007) bezeichnet werden kann.

Hierfür wurde zunächst eine vereinfachte Sozialstrukturanalyse vorgenommen. Dazu wurden verfügbare Daten zur Anzahl der Jugendlichen in den ausgewählten Gebietseinheiten, zum Schulbesuch und zum SGB II-Bezug insgesamt in beiden Gebieten eruiert. Zusätzlich wurde eine strukturierte Befragung der Jugendliche, eine Begehung des Sozialraums und eine Institutionenbefragung durchführt. Hinzugezogen wurden weiterhin Cliquenraster und Karten mit informellen Treffpunkten, die von MitarbeiterInnen der Jugendzentren erarbeitet wurden. Das Team des Jugendzentrums Quierschied ergänzte dieses zusätzlich mit der Autofokusmethode.

Ziel der Sozialraum- und Lebensweltanalyse war es, subjektive Deutungen von Jugendlichen in den beiden Sozialräumen zur ihrer Lebensrealität und von ExpertInnen zu der Lebensrealität der Jugendlichen zu erhalten. Kern des Erkenntnisinteresses war die Frage von Teilhabechancen und nach Diskriminierungserfahrungen, die Teilhabe einschränken.

Diese Sozialraum- und Lebensweltanalyse mit dem Schwerpunkt auf Teilhabechancen wurde geleitet von der Grundannahme des sog. Capability Approachs. Dieser von A. Sen und M. Nussbaum eingeführte Ansatz beschreibt die Teilhabemöglichkeiten von Menschen. Um die Anlage der Untersuchung besser zu verstehen, soll zunächst in Grundzügen auf das Konzept des Capability Approachs eingegangen werden.

2.1 Der Capability-Ansatz

Der Capability-Ansatz beschäftigt sich mit der Verteilung von Gütern zur Sicherung der Lebensqualität, er wurde zuerst vom Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen formuliert und dann vor allem von Martha Nussbaum weiterentwickelt (vgl. Klier 2009, S.2f.). Der Ansatz geht von zwei Grundannahmen aus:

  1. Die Freiheit, Wohlergehen zu erreichen, sollte oberste Priorität in der Gesellschaft sein.
  2. Diese Freiheit wird durch die so genannten Capabilities, also Möglichkeiten zur Verfolgung persönlicher Ziele bestimmt (vgl. Robeyns 2011).

Sen möchte, dass das Modell als Rahmen und Anregung dafür genutzt wird, an den Problemen einer Gesellschaft zu arbeiten, die zu Ungleichheit führen (vgl. ebd.).

In der Verfolgung selbstgesetzter Ziele, also der Freiheit eines jeden Menschen, sein Leben selbstbestimmt zu führen, besteht laut Sen der anzustrebende Idealzustand. Um diesen erreichen zu können, braucht jeder Mensch Güter. Dies können Güter im eigentlichen, materiellen Sinne sein aber auch andere wie Bildung oder familiärer Hintergrund.

Die vorhandenen Güter können aber nicht von allen Menschen in gleicher Weise genutzt werden (vgl. Arndt, Volkert 2006, S.10). Wie sie genutzt werden können, hängt von einigen Faktoren ab. Diese können internaler Natur sein, also vom Individuum selbst ausgehen, oder external, also von außen vorgegeben sein. Unter internalen Faktoren können persönliche Merkmale wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Talente, die innere Einstellung, aber auch die Gesundheit und körperliche Verfassung gezählt werden. Externale Faktoren können noch einmal in zwei Unterkategorien geteilt werden, und zwar die Umweltpotentiale, also zum Beispiel geographische Lage, das vorherrschende Klima oder das Vorhandensein von Straßen, Gebäuden und Infrastruktur, und die sozialen Potentiale, die von der Gesellschaft, in der man sich befindet, vorgegeben werden. Unter sozialen Potentialen können unter anderem Werte, Normen, Gesetze, soziale Kontakte, Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem und Zugang zum Arbeitsmarkt zusammengefasst werden (vgl. Robeyns 2011). Diese gesammelten Faktoren bilden die Umwandlungsfähigkeit, also die individuellen Möglichkeiten zur Nutzung der vorhandenen Ressourcen (vgl. Arndt, Volkert 2006, S.10).

Aus den vorhandenen Gütern,den internalen, den  umweltlichen und den sozialen Potentialen, bildet sich dann, unter Berücksichtigung der Umwandlungsfähigkeiten, das Capability Set.

Das Capability Set ist die Gesamtheit aller Capabilities, sprich Möglichkeiten im Sinne einer realen Auswahl von Handlungsalternativen, die dem Individuum zur Verfügung stehen und aus denen er seinen eigenen Interessen und Vorstellungen nach frei wählen kann (vgl. ebd., S. 9).

“Im Rahmen dieses Ansatzes (des Capability Ansatzes, Anm. d. Verf.) werden die Verwirklichungschancen des Menschen in den Vordergrund gestellt und Chancengleichheit wird als Gleichheit zentraler Möglichkeiten zur Verwirklichung als wertvoll erachteter Lebensweisen und Wohlergehen konzipiert.” (Oelkers 2011, S. 17)

Gibt es in einer Gesellschaft ein starkes Ungleichgewicht zwischen den Verwirklichungschancen der Menschen so spricht man von einer Capability Gap oder sogar einer Capability Deprivation (vgl. Otto 2014, S. 106).

Die Functions sind dann die Chancen, die auch wirklich realisiert wurden. Also das Tun und Sein einer Person. Diese Stufe ist für Sen aber nicht das Maß der Gleichberechtigung, denn die Entscheidung für einen bestimmten Lebensweg hängt zu einem großen Teil von persönlichen Präferenzen ab und auch die Anhängigkeit zu anderen Menschen, zum Beispiel zum Partner, spielt hier herein (vgl. Robeyns 2011). Röh beschreibt dies folgendermaßen:

„Die Qualität der Functionings ist mithin das Ergebnis von Transformationen der Capabilities, wobei diese auch von einer bestimmten (guten) Wahl dessen bestimmt wird, was bzgl. der subjektiven Präferenzen der Menschen angestrebt wird. Der für ihn und auch für Nussbaum so wichtige Prozess der Transformation von Freiheiten in Realitäten führt nach Sen zu bestimmten Zuständen oder auch Tätigkeiten, die als Ergebnis von Chancen und konkretem Tun entstehen:
„The concept of ‘functionings‘, which has distinctly Aristotelian roots, reflects the various things a person may value doing or being. The valued functionings may vary from elementary ones, such as being adequately nourished and being free from avoidable disease, to very complex activities or personal states, such as being able to take part in the life of the community and having self-respect. (Röh 2013, S.111/ Sen 1999, S.75)

Nach Sen und Nussbaum muss die Sicherung eines ausreichend großen Capability Sets für jeden Menschen die zentrale Aufgabe aller Staaten und Gesellschaften sein. Nicht die Gleichverteilung der Güter oder das Aufdrängen von bestimmten „Functions“ ist von Bedeutung, sondern die Gewährleistung, dass jeder Mensch seinen Lebensweg ohne vermeidbare Beeinträchtigung frei wählen kann, unabhängig von Geschlecht, Alter, Sexualität, körperlicher Konstitution usw. (vgl. Klier 2009, S. 2f.) Hierbei ist noch einmal besonders wichtig zu betonen, dass die Einflussfaktoren die Entscheidung des Menschen zwar beeinflussen aber nicht absolut fremd bestimmen. Die Entscheidung über die Erlangung bestimmter „Functions“ entscheidet sich vor dem Hintergrund der verschiedenen Einflussfaktoren und der individuellen Entscheidung. Das bedeutet, dass eine Person durch externe Einflussfaktoren daran gehindert werden kann, eine Entscheidung für eine bestimmte Option zu treffen. Und, dass umgekehrt aber auch die Einflussfaktoren eine Entscheidung ermöglichen, diese aber vom Individuum gegen die Option getroffen wird.

Hier gilt es, jedem Menschen, egal welcher Herkunft oder in welcher körperlichen Verfassung er sich befindet, die jeweiligen Güter bereit zu stellen, die es ermöglichen, im individuellen Rahmen an der Gesellschaft zu partizipieren. Es darf niemand von Anfang an aufgrund mangelnder Ressourcen ausgeschlossen werden. Denn die Beteiligung an der Gesellschaft und die Gestaltung des eigenen Lebens ist kein rein linearer Verlauf. Mit mehr erreichten Functions vermehren sich unter Umständen auch die Ressourcen und die individuellen Potentiale verbessern sich durch Lernprozesse, wodurch neue Möglichkeiten eröffnet werden und noch mehr erreicht werden kann (vgl. Otto 2014, S. 105).

Die folgende Abbildung soll – etwas vereinfacht – aufzeigen, was diese Ausführungen über den Capability Approach für das Konzept von offener außerschulischer Jugendarbeit bedeutet:

Kapitel2_Abbildung1

Abbildung 1: Der Capability Approach angewandt auf die Situation Jugendlicher (Quelle: Eigene Darstellung)

Übertragen auf die Frage der durchgeführten Untersuchungen lässt sich der Prozess der Teilhabe in etwa wie folgt beschreiben:

Die Jugendlichen in der Mitte der Abbildung haben als Ausgangspunkt bestimmte Ressourcen zur Verfügung. Hierzu gehören die Familie, wenn sie schon älter sein sollten, auch Bildungsabschlüsse, hierzu gehört aber auch die Betroffenheit von Armut. Diese Ressourcen entscheiden bei weitem nicht allein über die Teilhabechancen von Jugendlichen. Diese werden von lokalen / regionalen Umwandlungsfaktoren (in der Abbildung oben) wie auch von persönlichen Umwandlungsfaktoren beeinflusst. Zu den regionalen / lokalen Umwandlungsfaktoren gehören auf der einen Seite verfügbare bzw. erreichbare Angebote. Die verfügbaren Schulen mit den von ihnen verfolgten Konzepten, die Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation, die darüber bestimmen, mit welchen Qualifikationen und Kompetenzen die Jugendlichen Chancen auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz haben. Genauso determiniert die Verfügbarkeit von Freizeitangeboten die Teilnahme an diesen. Auch die Jugendzentren selbst sind einer von möglichen lokalen Umwandlungsfaktoren. Genauso spielen aber auch die vor Ort geltenden Gesetze (Landes- oder Bundesgesetze) sowie gesellschaftliche Normen eine Rolle. Gesetze spielen beispielsweise in Form von gewährten Aufenthaltstiteln, dem Bezug von Grundleistungen nach dem SGB II oder von Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz, dem SGB VIII oder ähnlichem eine Rolle. Gesellschaftliche Normen durchziehen das gesamte Leben, sie bestimmen über Ausgrenzung und Diskriminierung. Auf der anderen Seite stehen die persönlichen Umwandlungsfaktoren wie erworbene Kompetenzen, Auftreten, Selbstbewusstsein, persönliche Haltungen, die die Person prägen und handlungsfähig machen. Alle zusammen stellen das sogenannte Capability Set dar, das die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Jugendlichen darstellt. Dieses Capability-Set bildet die Grundlage, auf der die Einzelnen Entscheidungen treffen, wie und in welcher Form sie gesellschaftlich partizipieren. Die Frage von gesellschaftlicher Teilhabe als Ergebnis dieses Prozesses (also die sogenannten Funktionen) wird also zunächst von den Ausgangsbedingungen geprägt, dann wesentlich von den lokalen bzw. regionalen Umwandlungsfaktoren beeinflusst, aber nicht allein. Auch die persönlichen Faktoren beeinflussen den Prozessfluss. Die Frage, ob gesellschaftliche Teilhabe möglich ist oder nicht, entscheidet sich zuerst an dem zur Verfügung stehenden Capability-Set, auf dieser Grundlage können aber auch individuelle Entscheidungen zur Nicht-Teilhabe an Teilsegmenten gesellschaftlichen Lebens stehen.

Wichtig an diesem Modell ist, dass eine Vielzahl von Wechselwirkungen die verschiedenen Ebenen beeinflussen. Die Individuen beeinflussen die lokalen Bedingungen. Gesetze beeinflussen Haltungen, Haltungen prägen die Umsetzung von Konzepten in Einrichtungen, Freundschaften prägen Besucherstrukturen usw., usw..

In unserem Kontext stellt sich die Frage, wie  sich die Capability Sets und die Funktionen der Jugendlichen in Dudweiler und Quierschied darstellen, d.h. welche Handlungsmöglichkeiten haben sie und welche Teilhabeergebnisse lassen sich feststellen, und welchen Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten kann die außerschulische Jugendarbeit nehmen, um diese zu erweitern.

Röh nennt als Anforderungen an soziale Arbeit, dass sie

„als Unterstützung der ansonsten autonomen Lebensführung derjenigen gedacht (ist), die kurz-, mittel- oder langfristig auf sozioökonomische, sozioökologische oder persönliche Hilfen angewiesen sind, um ihr Leben aktiv führen zu können und ein gutes Leben anzustreben.“ (Röh 2013, S. 253)

Hierfür sei es notwendig, dass sich die Soziale Arbeit

„so präpariert, dabei sowohl den sozialen Begrenzungen (in Richtung einer Unterversorgung mit materiellen Gütern, aber auch den Partizipationschancen) als auch den subjektiven Begrenzungen (eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit, adaptive Präferenzen) zuwenden (muss) und darf weder die eine Seite, nämlich die soziale Benachteiligung durch soziale Strukturen und Prozesse, noch die andere Seite, nämlich die personellen Schwächen von Menschen, zu stark als verursachend und die jeweils andere Seite prädisponierend oder konstituierend begreifen.” (ebd., S. 254)

Für den weiteren Verlauf dieser Expertise bedeutet dies, dass im Verlauf dieses Kapitels ein Blick auf Ressourcen, Umwandlungsfaktoren, Capability Sets und Funktionen geworfen wird, um überhaupt beurteilen zu können, wo Handlungsbedarf zur Stärkung der Teilhabechancen liegt. Um eine solche Analyse mit den verfügbaren Ressourcen überhaupt realisieren zu können, war es notwendig, sich auf eine Altersgruppe zu beschränken. Angesichts des thematischen Zuschnitts des Projekts QuarteT sollte es sich um die Jugendlichen handeln, die vor dem Übergang von der Schule in den Beruf stehen. Deshalb wurde die Zielgruppe der 14 bis 17-Jährigen ausgewählt. Diese stellt ebenfalls eine der SchwerpunktbesucherInnengruppen der Jugendzentren dar.

Zunächst aber zu den beiden ausgewählten Sozialräumen Dudweiler und Quierschied.

2.2 Die Sozialräume und ihre jugendlichen EinwohnerInnen

2.2.1 Wo befinden sich Dudweiler und Quierschied?

Sowohl Quierschied als auch Dudweiler liegen im Norden des Regionalverbandes Saarbrücken. Wie der nachfolgenden Karte deutlich zu entnehmen ist, liegt Dudweiler räumlich abgegrenzt vom Rest der Stadt Saarbrücken und kann deshalb gut als eigenständiger Raum einbezogen werden. Dudweiler ist ein Stadtteil der Landeshauptstadt Saarbrücken, der während der Projektzeit einschneidende Veränderungen erfährt. Aus einem Bezirk mit Sonderstatus, einer eigenen Bezirksverwaltung und einem Bezirksbürgermeister wurde auf Beschluss des Saarbrücker Stadtrates vom 29. Januar 2013 ein Bezirk ohne Sonderstatus mit einer Übergangszeit bis Dezember 2014. Zusätzlich hat Einwohnerzahl in Dudweiler seit der Gebietsreform 1974 um etwa 10.000 Personen abgenommen. Heute leben knapp unter 20.000 Menschen im Stadtteil Dudweiler. Zusammen mit den anderen Stadtteilen Herrensohr, Scheidt und Jägersfreude wird der Bezirk Dudweiler mit  etwa 28.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gebildet. Für die hier vorliegende Sozialraumanalyse wurde sich auf den Stadtteil Dudweiler selbst beschränkt, als Bezirk 31 in der Stadt Saarbrücken geführt. Auf der Homepage der Stadt Saarbrücken wird Dudweiler wie folgt beschrieben:

„Dudweiler, das Tor zum Sulzbachtal, ein aufstrebender Stadtbezirk auf dem Weg in eine Zukunft im Herzen Europas. Der Wohn-, Freizeit- und Erholungswert des Stadtbezirks wird geprägt von dem ihn umschließenden Mischwaldgürtel mit ausgedehnten Spazier- und Wanderwegen. Die gewachsenen örtlichen Strukturen spiegeln sich in den rund 200 Vereinen und Verbänden, die das Gemeinschaftsleben mit ihrem Angebot beleben.“ ( Landeshauptstadt Saarbrücken 2014)

Quierschied liegt nur wenige Kilometer weiter nördlich. Zwischen beiden Gebieten liegt  Sulzbach, außerdem trennt die Autobahn A623 beide Gebiete voneinander.

Abbildung 2: Lage Dudweiler und Quierschied

Abbildung 2: Lage Dudweiler und Quierschied (Quelle: Openstreetmap)

Quierschied ist eine eigenständige Gemeinde mit einer Bürgermeisterin und einer eigenen Verwaltung im Regionalverband Saarbrücken. Zur Gemeinde Quierschied gehören die Ortsteile Quierschied mit Paulsburg und Glashütte, Fischbach Camphausen und Göttelborn. Auf der Gemeindehomepage wird es als „attraktiver Wohnort am Rande des reizvollen Saarkohlewaldes im Einzugsbereich der Landeshauptstadt Saarbrücken“, als „interessanter Wirtschaftsstandort“ und als Ort mit einem lebendigen und vielseitigen Vereinsleben beschrieben.

Quierschied hat ca. 14.000 Einwohnerinnen und Einwohner, der Anteil der ausländischen Bevölkerung mit 5,4% war gegenüber dem Regionalverbandsdurchschnitt von 11,1 % niedrig. (vgl. Gemeinde Quierschied 2011)

 

2.2.2 Über wie viele Jugendliche sprechen wir?

In den von uns untersuchten Einheiten Dudweiler und Quierschied leben insgesamt 1003 Jugendliche in der ausgewählten Altersgruppe. 687 von ihnen in Dudweiler und 316 von ihnen in Quierschied. Quierschied ist hier ohne die Ortsteile Göttelborn und Fischbach erfasst. In Dudweiler leben die meisten Jugendlichen in der von uns festgelegten Zielgruppe in Dudweiler-Süd und Pfaffenkopf, gefolgt von Dudweiler-Nord und Dudweiler-Mitte. Nach Auskunft der MitarbeiterInnen des Jugendzentrums machen diese den Hauptteil der BesucherInnen des Jugendzentrums aus.
Tabelle 1: Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren in Dudweiler und Quierschied

Alter:

Gesamt

14

15

16

17

Ges.

Mig.

Ges.

Mig.

Ges.

Mig.

Ges.

Mig.

Ges.

Mig.

Dudweiler
Nord

100

51

49

27

21

12

9

7

28

16

12

6

24

7

17

6

27

16

11

8

Dudweiler
Mitte

93

47

46

29

25

12

13

8

19

10

9

6

22

12

10

5

27

13

14

10

Flitsch

53

23

30

9

10

5

5

2

21

9

12

1

8

5

3

2

14

4

10

4

Kitten

31

19

12

3

5

3

2

1

3

2

1

0

10

6

4

0

13

8

5

2

Pfaffenkopf

140

74

66

19

40

23

17

7

33

17

16

4

31

16

15

2

36

18

18

6

Geisenkopf

50

23

27

15

15

7

8

5

12

6

6

5

15

7

8

4

8

3

5

1

Dudweiler-Süd

168

90

78

33

53

26

27

15

42

22

20

3

42

23

19

9

31

19

12

6

Wilhelmshöhe-Fröhn

52

27

25

11

14

8

6

4

9

6

3

1

15

6

9

6

14

7

7

0

Dudweiler
31

687

354

333

146

183

96

87

49

167

88

79

26

167

82

85

34

170

88

82

37

52%

48%

21%

52%

48%

27%

53%

47

16%

49%

51%

20%

52%

48%

22%

Quierschied

316

164

152

23

70

37

33

3

109

52

57

6

73

39

34

8

64

36

28

6

52%

48%

7%

53%

47%

4%

48%

52%

6%

53%

47%

11%

56%

44%

9%

Quelle: Angaben der Gemeinde Quierschied 12.9.2012, Dudweiler 31.12.2011

Auf den beiden folgenden Karten der beiden Sozialräumen wird gezeigt, wo die von uns in den Blick genommenen Jugendlichen leben: 6

Kapitel2_Abbildung3

Abbildung 3: Dudweiler mit Untergliederungen (Quelle: Openstreetmap)

Kapitel2_Abbildung4

Abbildung 4: Quierschied mit vier selbst definierten Bezirken (Quelle: Open Street Map)

Da in der obigen Tabelle Quierschied nur als Ganzes erfasst war, haben wir anhand von Straßenzuordnungen den Ort noch einmal in vier Bereiche unterteilt. Die Jugendlichen der Altersgruppe 14 – 17 in Quierschied verteilen sich sehr gleichmäßig über den Ort, außer in dem von uns festgelegten Bezirk II.

Tabelle 2: Jugendliche im Alter von 14 – 17 Jahren in Quierschied (ohne Fischbach und Göttelborn) zum Stichtag 9.10.2012

Gesamt

ANZAHL Jungen

ANZAHL Mädchen

Bezirk
I

99

55

44

Bezirk
II

26

12

14

Bezirk
III

91

41

50

Bezirk
IV

94

44

50

152

158

Quelle: Angaben zu Jugendlichen nach Straßen der Gemeinde Quierschied und eigene Berechnungen

In Quierschied ist der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich geringer als in Dudweiler. Er beträgt nur gut 7 %, während er in Dudweiler bei gut 26% liegt. Allerdings beruhen die Angabe „Migrationshintergrund“ für Quierschied nur auf dem Kriterium Nationalität, eine sehr enge Definition des Migrationshintergrundes, für Dudweiler jedoch auf dem Kriterium ausländische Staatsangehörigkeit und Geburt im Ausland.

Wie zu Beginn dieses Kapitels benannt, wurden unterschiedliche Methoden der Sozialraumanalyse angewendet, um ein möglichst genaues Bild von den Lebensbedingungen der Jugendlichen in den beiden Sozialräumen zu erhalten und Aussagen über ihre Teilhabechancen zu generieren.

Neben den Sozialraumbegehungen, dem Erstellen von Cliquenrastern, dem Erstellen von Karten mit informellen und formellen Treffpunkten und der Sichtung von Daten zu den Sozialräumen bildeten Interviews mit Jugendlichen aus den Dudweiler und Quierschied sowie eine Institutionenbefragung den Kern der Lebensweltanalyse. Deshalb hier eine kurze Vorstellung der Befragung und des sich daraus ergebenden Samples.

2.3 Qualitative Befragung von Jugendlichen und Institutionenbefragung

Um die Lebenswelt der Jugendlichen tiefer zu ergründen und Informationen darüber zu erhalten, wo ihre Teilhabemöglichkeiten erschwert werden, bzw. sie mit Diskriminierung konfrontiert sind, wurden zunächst Jugendliche selbst aus beiden Gebietseinheiten befragt. Außerdem wurden Erwachsene aus unterschiedlichsten Einrichtungen (Schule, Verein, Politik, Jugendzentrum) befragt.

2.3.1 Methodisches Vorgehen

Das Projektteam hat sich gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Berater auf Leitfäden für die Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen verständigt. Diese basierten auf gemeinsamen Diskussionen darüber, was Teilhabe ausmacht und wie sich mögliche Teilhabebeschränkungen und Diskriminierungserfahrungen auf die Jugendlichen auswirken könnten. Hieraus abgeleitet wurden offene Fragen für leitfadengestützte Interviews entwickelt. Diese deckten abschließend folgende Bereiche ab:

Interviews mit Jugendlichen

  • Familiärer Hintergrund
  • Bildungskarriere und -erfahrungen
  • Armut
  • Freizeitverhalten
  • Freundeskreis
  • Konfliktlösungsverhalten
  • Einschätzung des Wohnortes
  • Einschätzung des Jugendzentrums
  • Diskriminierungserfahrungen
  • Zukunftsvorstellungen

Interviews mit ExpertInnen

  • Verständnis von Teilhabe
  • Sicht auf Diskriminierung
  • Eigener Kontakt zu Jugendlichen
  • Wahrgenommene Unterstützungsbedarfe
  • Beitrag des eigenen Angebots um Teilhabe zu ermöglichen, bzw. Diskriminierung zu verhindern / zu überwinden
  • Bestehende Kooperationen, bzw. Wunsch nach mehr Kooperation
  • Einschätzung zu den Möglichkeiten außerschulischer Jugendarbeit
  • Wunsch nach Unterstützung für die eigene Arbeit

Die Interviews selbst wurden ausschließlich vom Projektteam durchgeführt. Zur Vorbereitung wurde eine zweitägige Interviewschulung mit dem wissenschaftlichen Berater durchgeführt.
Der Leitfaden für die Jugendlichen wurde in einem Pretest mit Jugendlichen aus Jugendzentren in anderen Gebietseinheiten des Regionalverbandes getestet. Nach einer letzten Anpassung wurden die Interviews zwischen Februar und Juni 2013 geführt. Die MitarbeiterInnen des Projektteams erstellten von jedem Interview ein ausführliches Protokoll. Auf der Grundlage dieser Protokolle wurden die Interviews ausgewertet.

2.3.2 Das Sample

Jugendliche

Insgesamt finden sich 36 Jugendliche im Sample, hiervon je 18 aus Dudweiler und 18 aus Quierschied. In der entsprechenden Altersgruppe wohnten im August 2012 687 Jugendliche in Dudweiler und 316 Jugendliche in Quierschied. Das bedeutet, dass für Dudweiler ca. 2,6 % der Jugendlichen für ein Interview gewonnen werden konnten, für Quierschied etwas über 5 %.

Tabelle 3: Jugendliche aus Dudweiler im Sample differenziert nach Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund

Übersicht
Jugendliche

Dudweiler

Quierschied

Gesamt

Gesamt

18

18

Alter

14

15

16

17

14

15

16

17

Jungen

11

5

1

3

2

10

1

4

2

3

Mädchen

7

3

2

2

0

8

2

2

3

1

MGH

9

1

1

5

2

5

1

2

1

1

Quelle: Eigene Erhebungen

Das Durchschnittsalter der Jugendlichen aus Dudweiler beträgt 15,1 Jahre, das der Jugendlichen aus Quierschied 15,5 Jahre.

In Tabelle 3 wird deutlich, dass ein breiter Mix von Jugendlichen gewonnen werden konnte, 21 Jungen und 15 Mädchen, 14 Jugendliche mit Migrationshintergrund und alle Altersjahrgänge sind sowohl in Dudweiler als auch in Quierschied vertreten.

Abgeschlossen werden soll die Samplebeschreibung mit der Frage, wie viele der Jugendlichen das JUZ regelmäßig besuchen und wie viele nicht, bzw. wie viele Jugendliche aktuell in Vereinen aktiv sind.

Tabelle 4: Anzahl Jugendlicher im Sample, die regelmäßig ins JUZ gehen, bzw. aktuell aktiv in Vereinen sind, differenziert nach Problembelastung

JUZ-GängerInnen

Verein

Dudweiler

Ja

11

10

Nein

7

8

Quierschied

Ja

11

7

Nein

7

11

Quelle: Eigene Erhebungen

In Dudweiler gehen 11 von 18 Jugendlichen regelmäßig ins JUZ, in Quierschied sind es 10 von 18.

ExpertInnen

Insgesamt wurden 31 Interviews mit 38 Personen geführt. Diese kamen aus den beiden Jugendzentren in Dudweiler und Quierschied, den jeweiligen Verwaltungen, den in beiden Gemeinden angesiedelten Schulen, aus Sportvereinen sowie aus Kirche, Feuerwehr und DRK (in der folgenden Tabelle unter Sonstiges gefasst).

Tabelle 5: Sample der interviewten Expertinnen und Experten

Dudweiler

Quierschied

Interviews

Personen

Interviews

Personen

JUZ

4

4

3

3

Schule

7

7

6

6

Förderschule

2

2

Gemeinschaftsschule

5

5

6

6

Verwaltung

1

1

2

3

Sportverein

2

2

1

2

Sonstiges

2

6

3

4

16

20

15

18

Quelle: Eigene Erhebungen

Aus den Jugendzentren wurden pädagogische MitarbeiterInnen, PraktikantInnen und FSJlerInnen befragt. Aus den beiden Gemeinschaftsschulen wurden jeweils das Direktorium, Lehrkräfte (VertrauenslehrerInnen, TutorInnen, KlassenlehrerInnen) und die Schulsozialarbeit befragt, an der Förderschule in Dudweiler eine Klassenlehrerin und Schulsozialarbeiterin. Bei den Vereinen oder anderen Einrichtungen wie Feuerwehr, Kirche oder DRK wurden JugendbetreuerInnen, TrainerInnen oder GemeindereferentInnen interviewt. Auf Verwaltungsebene wurde in Quierschied die Bürgermeisterin und eine Abteilungsleiterin sowie die ehrenamtliche Jugendbeauftragte in die Befragung einbezogen, in Dudweiler war der Bürgermeister aus Krankheitsgründen leider verhindert, so dass die zuständige Sachbearbeiterin für Gemeinwesenarbeit befragt wurde.

In Dudweiler wurden 11 Frauen und 9 Männer befragt, in Quierschied 11 Frauen und 7 Männer. Einen Migrationshintergrund hatte keine der befragten Personen, lediglich ein Elternteil einer befragten Person ist im Ausland geboren.

Im Folgenden werden die Ergebnisse aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengeführt, um ein Bild von den Teilhabemöglichkeiten der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Dudweiler und Quierschied zu zeichnen und deutlich zu machen, wo Handlungsbedarf außerschulischer Jugendarbeit zur Stärkung der Teilhabechancen dieser Jugendlichen besteht.

Zurückgreifend auf den anfangs beschriebenen Capability-Ansatz soll vom Ende her begonnen werden und die Frage beantwortet werden, wie es um die Teilhabe der vom Projektteam in den Blick Genommenen steht. Hierfür werden wir anhand verschiedener thematischer Bereiche danach fragen, welche Ressourcen den Jugendlichen zur Verfügung stehen, welche persönlichen und lokalen / regionalen Umwandlungsfaktoren das „Capability-Set“ der Jugendlichen ausmachen und welches die sogenannten. „Funktionen“ sind, d.h. welches Ausmaß an Teilhabe sich feststellen lässt. Hierfür werden die Bereiche „Bildung“, „Arbeitsmarkt“, „Nutzung des öffentlichen Raumes“, „Anerkennung“, „Kultur“ und „gesellschaftliche / politische Partizipation“ in den Blick genommen. Durch die Analyse der verfügbaren Ressourcen und der Umwandlungsfaktoren kann beurteilt werden, wo Ausgrenzungsmechanismen anzutreffen sind und wo die Jugendlichen am dringendsten der Unterstützung bedürfen, um ihre Teilhabechancen zu erhöhen.

2.4 Bildung

Die Teilhabe an Bildung wird an dieser Stelle zunächst als Teilhabe an formaler Bildung verstanden. Die 14-17-Jährigen sind alle noch schulpflichtig und können der Schulpflicht in allgemeinbildenden oder beruflichen Schulen nachgehen.

2.4.1 Die Schulversorgung

Im Grundschulbereich müssen die Kinder bei der Grundschule angemeldet werden, in deren Schulbezirk die Wohnung des Schülers liegt (§5 Abs.1 ASchO), für die weiterführenden Schulen gilt dies nicht. In Dudweiler gibt es vier Grundschulen, jeweils eine davon in den Stadtteilen Scheidt und eine für die Stadtteile Jägersfreude/Herrensohr. In Quierschied gibt es drei Grundschulen, jeweils eine jedoch in Fischbach und Göttelborn.

Weiterführende Schulen sind im Saarland seit dem Jahr 2012 als Zwei-Säulen-Modell (Gymnasium und Gemeinschaftsschule) organisiert. Zusätzlich gibt es ein Angebot an Förderschulen. Jugendliche und ihre Eltern müssen sich grundsätzlich zwischen diesen Optionen entscheiden. In den beiden untersuchten Sozialräumen gibt es jeweils eine Gemeinschaftsschule (vorher als ERS Quierschied und Gesamtschule Dudweiler bekannt). Die Gemeinschaftsschule in Dudweiler hat auch ein Oberstufenangebot, die Schule in Quierschied nicht, wer nach der Sekundarstufe I das Abitur anstreben möchte, muss dies entweder auf einer der Gemeinschaftsschulen mit Oberstufenangebot oder auf einem allgemeinbildenden oder beruflichen Gymnasium tun. Ein Gymnasium gibt es weder in Dudweiler noch in Quierschied.

In Dudweiler sind darüber hinaus zwei Förderschulen ansässig, mit den Schwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung.

2.4.2 Welche Schule besuchen die Kinder und Jugendlichen in Dudweiler und Quierschied?

Zum Schulbesuch lassen sich keine spezifischen Angaben zu der von uns ausgewählten Altersgruppe machen, sondern nur für alle Kinder und Jugendliche in den Stadtteilen. Dadurch, dass auch die Grundschüler/innen einbezogen sind und hier der Anteil in Dudweiler und Quierschied erheblich höher ist, als im ganzen Saarland, müssen die Anteile für die weiterführenden Schulen zwangsläufig geringer ausfallen.

Prägend für die Schulwahl bei den weiterführenden Schulen sind die beiden Gemeinschaftsschulen in Dudweiler und Quierschied. (Zum Zeitpunkt der Datenerhebung liefen die Gemeinschaftsschulen noch unter den Namen Gesamtschule und Erweiterte Realschule ERS) Jeweils 36 bzw. 34 % der Jugendlichen besuchen diese Schulform. Auffallend ist der erhöhte Anteil an FörderschülerInnen im Vergleich zum Landesdurchschnitt.

Tabelle 6: Anteile der Schulformen, die SchülerInnen aus dem Saarland gesamt, Dudweiler und Quierschied besuchen

-Saarland-

-Dudweiler-*

-Quierschied-**

Grundschule

32%

33%

38%

Hauptschule

0,3%

-

-

Förderschule

4%

5%

5%

Realschule

1%

2%

4%

ERS

19%

4%

34%

Gymnasium

28%

24%

5%

Gesamtschule

13%

30%

11%

Waldorfschule

1,4%

1%

3%

Abendschule

0,6%

1%

-

Quelle: Saarländische Daten: Statistisches Landesamt; Dudweiler, Quierschied: Landesamt für zentrale Dienste

*  Hierbei ist Dudweiler Gesamt erfasst

**Hier ist Quierschied mit Ortsteilen erfasst

Betrachtet man nur den Übertritt in die fünfte Klasse fällt auf, dass der Anteil an SchulwechslerInnen auf das Gymnasium in Quierschied deutlich geringer (37 %) als in Dudweiler (50 %) ist.
Soweit die allgemeinen Zahlen. Wie verhält es sich mit den Jugendlichen aus dem Untersuchungssample?
In Tabelle 7 findet sich der aktuelle Bildungsstatus differenziert nach Alter und Schulform.

Tabelle 7: Jugendliche im Sample differenziert nach Alter und aktuellem Bildungsstatus

14

15

16

17

Gesamt

 Dud

Quier

 Dud

Quier

 Dud

Quier

 Dud

Quier

 Dud

Quier

Förderschule

1

2

3

Gemeinschaftsschule

7

3

1

4

1

2

9

9

Gymnasium

1

1

1

1

1

1

3

3

BBZ

1

1

1

1

1

2

3

Ausbildung

1

1

2

1

3

Quelle: Eigene Erhebungen

Insgesamt gehen in Dudweiler drei Jugendliche auf die Förderschule, neun auf die Gemeinschaftsschule, drei auf das Gymnasium, zwei besuchen ein Berufsbildungszentrum und eine Person absolviert eine Ausbildung. In Quierschied besucht niemand die Förderschule, neun Jugendliche die Gemeinschaftsschule, drei Personen das Gymnasium, drei ein BBZ und drei machen eine Ausbildung.

Auch in unserem Sample haben wir eine deutliche Tendenz, dass die vor Ort ansässigen Gemeinschaftsschulen die für die Jugendlichen an erster Stelle in Frage kommenden Schulen sind. Jeweils die Hälfte aller Jugendlichen gehen auf die Gemeinschaftsschule. Die andere Hälfte teilt sich auch noch einmal genau zur Hälfte. Der eine Teil besucht weiterhin eine allgemeinbildende Schule, der andere Teil eine Berufsbildende in Vollzeit oder Teilzeit, d.h. sie machen bereits eine duale Ausbildung.

Wird die Bildungskarriere der Jugendlichen, die wir interviewt haben, detaillierter in den Blick genommen, kann festgestellt werden, dass es drei typische Verläufe gibt:

  • Nach der Grundschule auf das Gymnasium

Nach dem Besuch der Grundschule entscheiden die Eltern, dass die Kinder nicht auf die Gemeinschaftsschule gehen sollen, sondern ein Gymnasium besuchen sollen. Mit dieser Entscheidung geht auch die Entscheidung für einen Schulbesuch außerhalb des Wohnortes einher. Aus den Schilderungen der Jugendlichen wird deutlich, dass es sich hierbei, in einem nicht unerheblichem Maß, um bewusste Karriereentscheidungen der Eltern handelt.

Am deutlichsten bringt dies eine Person zum Ausdruck, wenn sie sagt:

„Bei uns war das so, es war relativ schnell klar, dass ich auf das Gymnasium gehen will. Das wollte ich selbst auch und von den Noten her hat das auch geklappt. Nur, dass halt viele von meiner Klasse auf die Gemeinschaftsschule8 gegangen sind, weil sie es von den Noten her nicht anders geschafft hätten. Deshalb wollte ich da anfangs auch hin. Da hat es aber nur geheißen: Wenn man auf die ERS geht, dann hat man sich das ganze Leben schon verbaut.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Hier sind es die Eltern, die klar zum Ausdruck bringen, dass mit einer Entscheidung nach der vierten Klasse für die Gemeinschaftsschule eine negative Lebensentscheidung getroffen wird. Zwei andere Personen bringen für sich selbst die Entscheidung für das Gymnasium so zum Ausdruck:

„Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber irgendwie wollte ich auch nicht auf die Realschule. Das klingt jetzt vielleicht auch wieder komisch, aber ich habe mich irgendwie nicht so dumm gefühlt, dass ich auf die Realschule müsste. Das soll jetzt nicht so fies klingen wie es klingt aber, naja, das habe ich eben gedacht zu der Zeit. Es war schon mein Wunsch, das Gymnasium zu besuchen.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„(…)weil ich mir schon immer vorgenommen habe, was aus meinem Leben zu machen und viel zu erreichen. Halt alles Mögliche zu probieren um weit zu kommen.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Nicht alle Gymnasialentscheidungen werden so deutlich mit einer Abwertung der Gemeinschaftsschule oder anderer Schulformen begründet. Bei anderen wird auch nur gesagt, dass schon die Geschwister dieselbe Schule besucht hätten, aber es wird doch deutlich, dass die Entscheidung für das Gymnasium eine deutliche Abgrenzung zur Gemeinschaftsschule bedeutet.

Vier von den sechs Jugendlichen, die zum Zeitpunkt des Interviews ein Gymnasium besucht haben, gehören dieser ersten Kategorie an, die direkt nach der Grundschule das Gymnasium besuchen. Die anderen beiden finden sich in der nächsten Kategorie.

  • Der klassische Weg

Der Weg, der von den meisten Jugendlichen eingeschlagen wird, ist direkt nach der Grundschule die Gemeinschaftsschule zu besuchen. Gründe hierfür sind der kurze Weg, das Zusammenbleiben mit den Freundinnen und Freunden aus der Schulzeit und die schon vorher gemachten Erfahrungen der Geschwister. Im Sample der interviewten Jugendlichen gibt es die gesamte Bandbreite von angestrebten Bildungsabschlüssen. Diejenigen, die die Schule schon beendet haben, sind (altersgemäß) keine Jugendlichen mit Abitur, sondern haben entweder den mittleren Bildungs- oder den Hauptschulabschluss an der Gemeinschaftsschule gemacht und befinden sich jetzt entweder in Ausbildung, an einer berufsbildenden Schule oder sie besuchen die Sek II auf einem Gymnasium (hier finden sich die anderen beiden Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der Interviews ein Gymnasium besucht haben).

27 der 36 Jugendlichen im Sample haben diesen Weg beschritten.

 

  • Förderschulbesuch aufgrund von Auffälligkeiten

Die letzte Gruppe von Jugendlichen (fünf Personen) hat den eben beschriebenen klassischen Weg an irgendeiner Stelle verlassen (müssen). In allen Fällen liegt dies aus Sicht der Jugendlichen in ihrem Verhalten begründet. Weil sie in der Schule ein Verhalten gezeigt haben, dass die Schule nicht akzeptieren wollte, bzw. mit dem diese nicht zurecht gekommen ist, wurde ihnen nahegelegt, dass sie eine Förderschule besuchen sollten. In zwei Fällen ist dies schon während der Grundschulzeit passiert, in einem Fall im Übergang zwischen Grundschule und weiterführender Schule und in zwei Fällen während dem Besuch der Gemeinschaftsschule.

Alle fünf Jugendliche beschreiben, dass sie zum einen „viel Scheiß gemacht hätten“, zum anderen aber auch, dass die Lehrkräfte nicht mit ihnen zurecht gekommen seien.

„Da war ich schlimm, habe nur Scheiße gemacht, habe nicht gelernt, bin immer abgehauen von der Schule. Wenn Arbeiten waren, Mathearbeit oder so, bin ich immer in den Wald abgehauen und so. Ich habe auch, ehrlich gesagt, einmal eine Lehrerin geschlagen, also nicht geschlagen, ich wollte die mit so einem Stock… schlagen…. Also ich war schlimm und bereue das auch sehr. Ehrlich, ich wäre ja sonst nicht da, wo ich jetzt bin, auf dieser Schule hier.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Dann gab es viel Stress und so. Es kam auch zu Schlägereien. Dann wurden aber die, die mich bedroht haben von der Schule geschmissen und ich wurde auch rausgeschmissen.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Ja das weiß ich noch, auf der Grundschule auf der ich vorher war, da hatte ich es nicht so mit der Lehrerin, also mit der Klassenlehrerin, weil die mich dermaßen unter Druck gesetzt hat, dass ich schon in der Grundschule keine Lust mehr hatte, da hin zu gehen, weil die mich immer in die letzte Ecke gesetzt hat, sich kein bisschen mit mir befasst hat, hat mir nichts erklärt, dadurch hatte ich auch nur 5er und 6er geschrieben. Die war ziemlich überfordert mit Ihrem Job. (…) Deswegen bin ich dann auch auf die Förderschule gekommen.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Es wird an diesen Jugendlichen deutlich, dass nicht angepasstes oder aus einer bestimmten Perspektive nicht sozial angemessenes Verhalten zu einem Bruch der Bildungsbiographie geführt hat.

Dass dies nicht per se passieren muss, zeigen jedoch auch andere Jugendliche, die beschreiben, dass nach der Grundschule Empfehlungen für eine Förderschule ausgesprochen wurden, einzelne Lehrkräfte sich aber sehr stark dafür eingesetzt haben, dass ein Besuch der Gemeinschaftsschule möglich wird. Andere Jugendliche schildern, dass sie bei Schwierigkeiten von einzelnen Lehrkräften ganz gezielt unterstützt wurden, so dass sie diese Schwierigkeiten bewältigen konnten.

Auswirkungen von Inklusionsanstrengungen?

Wie sich das in Zukunft angesichts verstärkter Inklusionsanstrengungen auswirken wird, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Grundsätzlich lassen sich die saarländischen Pläne zur Umsetzung der Inklusion im Hinblick auf eine flächendeckendere Beschulung an Regelschulen anhand der Informationen im „Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Saarland9 und des Erlasses „zur Einrichtung des Pilotprojektes zur Entwicklung eines inklusiven Förderkonzeptes an Regelschulen im Saarland“ zusammengefasst werden.

Während die Gesamtschülerzahl im Saarland rückläufig ist, stieg die Zahl der SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf von 4.760 im Schuljahr 2001/2002 um 27,5% auf 6.070 im Schuljahr 2011/2012 an.

Gleichzeitig ist die Zahl der SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen angestiegen und die Zahl der SchülerInnen in Förderschulen rückläufig. (Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie 2012, S.19)

„Die Inklusionsquote, d.h. der Anteil dieser Schülerinnen und Schüler in Regelschulen, ist von 22% im Schuljahr 2000/01 über 25% (2004/05) und 29% (2007/08) auf 37% (2010/11) angestiegen. Im Schuljahr 2011/12 beträgt die Inklusionsquote im Saarland 40,7%. Die Landesregierung strebt an, das von der Bundesregierung anvisierte Ziel einer Inklusionsquote von 50% bereits bis zum Jahr 2016 deutlich zu überschreiten.

Am Jahresende 2011 wurden insgesamt 358 Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen durch Integrationshelfer bzw. Eingliederungshelfer in der Schule im Rahmen des SGB XII individuell betreut. Davon besuchen 211 Schüler eine Schule der Regelform und 147 Schüler eine Förderschule.

Auch Kinder und Jugendliche mit Schwerst- oder Mehrfachbehinderungen haben einen Anspruch auf Bildung, der nur über sonderpädagogische Förderung einzulösen ist. Die Zahl der Kinder, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung keine Schule besuchen können, konnte in den vergangenen Jahren – auch durch den Einsatz von Integrationshelfern – reduziert werden.“(Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie 2012, S. 21)

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Quelle: Ministerium für Bildung und Kultur, (Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie 2012, S. 20)

Die Gemeinschaftsschule Dudweiler nimmt seit 2011 am Pilotprojekt „Inklusion“ zur Erprobung der im Erlass geregelten Vorgaben teil. Zusätzlich kommen in den beiden im Untersuchungsraum verorteten Gemeinschaftsschulen Integrationshelfer nach dem SGB XII zum Einsatz.

Einfluss von finanziellen Ressourcen

Ein Zusammenhang zwischen den finanziellen Verhältnissen Zuhause und dem Bildungserfolg kann mit dem kleinen Sample nicht direkt nachgewiesen werden. Es ist jedoch auffällig, dass alle Jugendlichen, die ein Gymnasium besuchen aus Familien kommen, in denen Armut aktuell keine Rolle spielt. Umgekehrt gibt es im Sample keine Jugendlichen aus tendenziell wohlhabenderen Familien, die eine Förderschule besuchen.

Exkurs Ressourcen

Wenn an dieser Stelle erstmalig die finanziellen Verhältnisse angesprochen werden, sollen in einem kurzen Exkurs die Ressourcen der befragten Jugendlichen vorgestellt werden. Neben dem Bildungsstatus wurden oben bei der Erläuterung des Capability Ansatzes vor allem der finanzielle Background und der familiäre Hintergrund als wesentliche Ressourcen genannt.

 

Familie

Von den 36 Jugendlichen leben vier alleine mit ihren beiden leiblichen Eltern zusammen. 17 mit ihren Eltern und weiteren Geschwistern. Acht Jugendliche leben nur mit einem Elternteil zusammen, zwei von ihnen allein, sechs mit weiteren Geschwistern. Fünf Jugendliche wohnen mit einem leiblichen Elternteil und einem Stiefvater oder einer Stiefmutter zusammen, eine Person davon gemeinsam mit Geschwistern. Zwei Jugendliche leben gar nicht mit ihren Eltern zusammen. Beide Male waren katastrophale familiäre Bedingungen ausschlaggebend für das Finden einer anderen Wohnsituation, die an dieser Stelle nicht näher genannt wird, um die Anonymität nicht zu gefährden.

Die Konstellation selbst sagt aber nichts darüber aus, in wie weit die Familie als unterstützend wahrgenommen wird oder nicht. Sieben der 36  Jugendlichen berichten explizit davon, dass sie ihre Eltern eher als Belastung denn als Unterstützung wahrnehmen. Es handelt sich nicht um ein pubertäres „Genervtsein“ von den Eltern, sondern um Schilderungen von sehr ernsthaften und tiefgreifenden Auseinandersetzungen. Zwei Jugendliche schildern ihre Eltern nicht negativ, aus den Schilderungen wird aber deutlich, dass sie vor allem bei Fragen der Bildung keinerlei Unterstützung sein können. D.h. neun von 36 Jugendlichen können bei der Entwicklung ihrer Teilhabechancen nicht oder nur bedingt auf eine familiäre Unterstützung bauen. Drei von Ihnen gehen auf ein Berufsbildungszentrum, zwei auf eine Förderschule, drei auf Gesamt- oder Gemeinschaftsschule und eine Person befindet sich in Ausbildung.
Ohne einen Anspruch auf Kausalität kann festgestellt werden, dass alle Jugendlichen, die ein Gymnasium besuchen, mit beiden leiblichen Eltern und Geschwistern zusammen leben und diese als unterstützend wahrnehmen. In allen anderen Schulformen findet sich eine größere Varianz an familiären Konstellationen.

Ökonomische Situation

Der Bezug von Leistungen nach dem SGB II ist im Regionalverband Saarbrücken sehr unterschiedlich ausgeprägt. So liegt er in der Stadt Saarbrücken durchschnittlich bei etwas über 18%, in den anderen Gemeinden des Regionalverbandes liegt er zwischen 5% und knapp 16%. In Quierschied liegt er mit 7,38% tendenziell niedriger, aber in der Gesamtzahl der Gemeinden im Mittelfeld, fünf Gemeinden haben einen noch niedrigeren Anteil, lediglich Friedrichsthal, Sulzbach und Völklingen einen Höheren. (Regionalverband 2012, S. 32)  Innerhalb der Stadt Saarbrücken liegt der Anteil für Dudweiler (Bezirk 31) bei 12,3%.

Tabelle 8: Empfänger/innen von Leistungen nach SGB II in Dudweiler am 31.12.2011

Tabelle 8: Empfänger/innen von Leistungen nach SGB II in Dudweiler am 31.12.2011

Dabei variieren die Anteile noch einmal erheblich in den verschiedenen Teilen Dudweilers. In Dudweiler-Mitte liegt der Anteil bei 28,5%, in Flitsch jedoch nur bei 11,9%, in Dudweiler-Süd sogar nur bei 8,3%. Dudweiler zeichnet sich also durch eine sehr hohe Binnendifferenz aus.

Im Sample selbst findet sich eine große Bandbreite hinsichtlich der ökonomischen Situation, von sehr armen bis wohlhabenden Verhältnissen. Diese Einschätzung kann nicht auf harten Fakten beruhen, da die Jugendlichen nicht nach den Einkommensverhältnissen ihrer Eltern befragt wurden, sondern lediglich zum Thema Wohnverhältnisse und zum Thema Armut allgemein. Die Jugendlichen haben aber – nach unserer Einschätzung – sehr ehrliche Antworten gegeben, wie viel Geld in den Familien zur Verfügung steht.

Niemand kommt aus Familien, die als sehr reich zu bezeichnen sind. Drei Jugendliche leben in einer eher sehr armen Umgebung. Hierunter wird gefasst, wenn es massive finanzielle Einschränkungen gibt, die dazu führen, dass beim Einkauf für Nahrungsmittel mit jedem Cent gerechnet werden muss und auch sonstige Anschaffungen kaum möglich sind. 10 Jugendliche kommen aus eher armen Verhältnissen, d.h. sie können sich nicht alles leisten, es muss gut mit dem Geld gehaushaltet werden, was sie selbst zur Verfügung haben, bzw. ihre Familie zur Verfügung hat. 12 Jugendliche sind eher einem mittleren Niveau zuzuordnen. In der Regel arbeiten beide Eltern, es gibt ausreichend Platz zum Wohnen und die Jugendlichen können sich in der Regel das Meiste leisten. Weitere 11 Jugendliche kommen aus Familien, die relativ große Eigentumshäuser besitzen und bei denen Geld offensichtlich keine Rolle spielt ohne direkt dem Segment der Superreichen zugeordnet werden zu können.
Insgesamt beklagen sich auch die Jugendlichen, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, so gut wie nicht über die finanziellen Bedingungen und berichten auch davon, dass das im Freundeskreis kein Problem sei. Einzelne Ausnahmen berichten davon, dass es schwer sei, wenn die Clique in das Kino geht und man selbst es sich nicht leisten kann, dies sind aber in der Tat Ausnahmen. Gerade die Jugendlichen, die sich nicht alles leisten können, berichten mit großer Ernsthaftigkeit davon, dass sie für sich abwägen müssen, was ihnen wichtig ist, wofür sie ihre wenigen Ersparnisse einsetzen. Wenn ihnen das gelingt, dann sind sie auch zufrieden. Diejenigen, die in ihren Familien auf Hartz IV angewiesen sind, sind sich in der Regel auch bewusst, dass sie Zuschüsse beantragen können und dass sie so z.B. für die diesjährige Freizeit des JUZ nach Italien nur 45 statt 200 Euro bezahlen müssen. Problematischer ist es für Jugendliche, die in Familien leben, die knapp über der Grenze für den Bezug von Arbeitslosengeld II liegen. Hier wird verschiedentlich darüber berichtet, dass es den Eltern schwer fällt, z.B. die 200 Euro für die Ferienfreizeit aufzubringen.

Insgesamt ist das Thema Armut bei den Jugendlichen deutlich weniger Thema als in den ExpertIinneninterviews. Auch wenn vermutet werden kann, dass es Jugendlichen schwer fallen könnte, zuzugeben, dass sie unter der mangelnden Verfügbarkeit von Geld leiden könnten, sprechen die Details in den Interviews davon, dass die Jugendlichen einen sehr rationalen Umgang mit diesem Thema haben. In den Interviews insbesondere mit JUZ-MitarbeiterInnen und mit Lehrkräften wird häufiger betont, dass Armut ein sehr bestimmendes Problem ist und ein eindeutiger Faktor, der Teilhabe einschränkt.

Von den Jugendlichen, die die allgemeinbildende Schule schon abgeschlossen haben, haben sieben einen Hauptschulabschluss und zwei einen Förderschulabschluss erzielt. Das keine anderen Schulabschlüsse berichtet werden können, hat zunächst etwas mit der Auswahl der Altersgruppe zu tun (14-17 Jahre). Es gibt im Sample genauso SchülerInnen, die den mittleren Abschluss oder das Abitur anstreben. Auch unter den neun genannten befinden sich Jugendliche, die auf einer berufsbildenden Schule versuchen, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen.

Über die Abschlüsse, die die Jugendlichen bis zum Ende ihrer Schulpflicht erreichen werden, können hier keine verlässlichen Auskünfte gegeben werden, da weder der Bildungsbericht des Regionalverbandes, noch das Kultusministerium des Saarlandes entsprechende Daten aufweist.

Für das Saarland insgesamt ergeben die aktuellsten verfügbaren Zahlen beim Statistischen Bundesamt folgende Verteilung:

Tabelle 9: Schulabschlüsse von Absolventen/Abgänger im Saarland im Schuljahr 2010/11

Schulabschlüsse

Geschlecht

männlich

weiblich

Insgesamt

2010/11

Saarland

Ohne
Hauptschulabschluss

297

6,1

185

3,9

482

5,0

Hauptschulabschluss

1465

30,1

1118

23,5

2583

26,8

Realschulabschluss

1668

34,3

1697

35,6

3365

35,0

Fachhochschulreife

58

1,2

51

1,1

109

1,1

Allgemeine
Hochschulreife

1376

28,3

1710

35,9

3086

32,1

4864

4761

9625

Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2014; Stand: 07.03.2014 / 12:15:06

Demnach haben über 30% der SchülerInnen des Schuljahrganges 2010/11 die Schule maximal mit einem Hauptschulabschluss verlassen.

Für den Bereich Bildung lässt sich konstatieren:

  • Der Zugang zu Bildung in den von uns ausgewählten Sozialräumen scheint zunächst für alle offen zu stehen. Über den klassischen Weg – erst Grundschule, dann Gemeinschaftsschule – absolvieren die meisten Jugendlichen ihre Schullaufbahn.
  • Problematisch wird es für Jugendliche, die viele Probleme haben und bei denen diese Probleme zu unangepasstem Verhalten führen. Hier drohen Brüche in der Bildungsbiographie, wenn sie keine individuelle Unterstützung erhalten. Diese kann entweder von Lehrkräften, von professionellen Beratungsstellen oder der eigenen Familie kommen. Insbesondere die familiäre Unterstützung muss jedoch in der Lage sein, eine Verständigungsebene mit der Schule zu finden, um eine Lösung für die Situation der Jugendlichen zu finden.
  • Insbesondere dann, wenn sich in der Schule keine Lehrkraft individuell für die betreffenden Jugendlichen einsetzt, aber auch keine professionelle Hilfe (sei es durch Beratungsstellen oder das Jugendamt) eingeschaltet wird, drohen Jugendliche auf sich allein gestellt zu sein. Hier kann davon gesprochen werden, dass sie allein gelassen werden. Sie bräuchten für ihr „Capability Set“ zur Bewältigung der Bildungskarriere externe Hilfe.

Exkurs Problembelastung

Bei der Beschreibung der drei verschiedenen Bildungsbiographiekonstellationen der befragten Jugendlichen wurde insbesondere bei der dritten Gruppe von verschiedenen Problemen gesprochen, mit denen die Jugendlichen konfrontiert sind. Zu Analysezwecken wurden die Jugendlichen nach einer niedrigen, mittleren und hohen Problembelastung unterschieden. Unter einer hohen Problembelastung wurden Jugendliche gefasst,

 

Tabelle 10: Jugendliche aus Dudweiler im Sample differenziert nach Alter, Schulbesuch und Problembelastung.

Tabelle 10: Jugendliche aus Dudweiler im Sample differenziert nach Alter, Schulbesuch und Problembelastung.

die entweder schwere gesundheitliche Einschränkungen haben, massive familiäre Probleme, massive Probleme in der Schule/Ausbildung oder massive Probleme im Zusammenleben mit anderen haben. Als Jugendliche mit mittlerer Problembelastung wurden Jugendliche bezeichnet, die zwar erhebliche Probleme in einem der genannten Bereiche haben, die aber schon entweder gelöst sind oder die keine größeren Auswirkungen auf ihr aktuelles Leben haben. Als Jugendliche mit geringer Problembelastung wurden Jugendlichen bezeichnet, die eine gute familiäre Unterstützung haben, einen funktionierenden Freundeskreis, keine besonderen Probleme in der Schule und auch im Zusammenleben mit anderen keine größeren Auffälligkeiten aufweisen. Das bedeutet nicht, dass diese Jugendlichen keine Probleme haben – „Ein bisschen Zickenkrieg, na klar!“, wie mehrere Mädchen sinngemäß sagen – aber es sind keine Anzeichen zu erkennen, dass sie bei der Bewältigung dieser Probleme größere Schwierigkeiten haben.

In Tabelle 4 findet sich die Problembelastung differenziert nach Alter und Bildungsstation. Es zeigen sich deutliche Auffälligkeiten. Alle Jugendlichen der Gymnasien weisen eine geringe Problembelastung auf, alle Jugendlichen, die auf Förderschulen gehen, eine hohe.

2.5 Arbeitsmarkt

Auf dem Ausbildungsmarkt im Saarland und im spezifischen im Regionalverband Saarbrücken zeichnet sich insgesamt eine deutliche Entlastung ab. Im Berichtsjahr 2012/13 der Berufsberatung der Agentur für Arbeit ergibt sich ein sehr positives Bild. Von 6.284 Bewerberinnen und Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz im Saarland blieben 111 unversorgt. Im Regionalverband waren es 24 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber bei insgesamt 2.292 Personen, die eine Ausbildung suchten und sich bei der Agentur für Arbeit registrieren ließen. Diese Zahlen sind mit einiger Vorsicht zu betrachten, weil sie nicht die Gesamtheit der Jugendlichen wiedergeben, sondern nur die, die sich auch wirklich als ausbildungssuchend gemeldet haben. Außerdem gelten nur diejenigen als unversorgt, die weder eine Ausbildung noch sonst eine andere Alternative gefunden haben. Diese im Prinzip positive Gesamtsituation ist seit einigen Jahren stabil, scheint sich in den letzten beiden Jahren jedoch wieder zu verschlechtern. Gab es in den Berichtsjahren 2009/10 und 2010/11 jeweils weniger unversorgte Bewerberinnen und Bewerber als unbesetzte Ausbildungsstellen, gibt es in den beiden darauf folgenden Jahren jedoch wieder mehr unversorgte Bewerberinnen und Bewerber als unbesetzte Stellen. (Quelle: Agentur für Arbeit)

Eine der interviewten Experten sieht jedoch nach wie vor eine deutliche Verbesserung auf dem Ausbildungsmarkt:

„Die beruflichen Perspektiven für Jugendliche werden besser. Wobei die draußen kritisieren, dass die Schüler in den sogenannten Kulturtechniken nachgelassen haben. Das stimmt auch, gerade Lesen. Da können wir uns noch so anstrengen, es lässt einfach nach. Auch die Einstellung zu gewissen Sachen lässt zu wünschen übrig. ‚Dann krieg ich halt Harz IV, mir doch egal.‘ Aber das sind auch die Wenigsten. Insgesamt werden die Perspektiven sicher besser. Vor den Osterferien frage ich immer in den Abgangsklassen, wie ihre Pläne aussehen und schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Anteil derer, die direkt in eine Ausbildung gehen, ständig wächst. Sonst hat man sie oft geparkt, Handelsschule oder so. Was sie dann nicht geschafft haben. Oft wollten sie auch einfach nicht in die Ausbildung. Das ist jetzt im Wandel. Es wollen immer mehr in die Ausbildung.“ (Aussage von ExpertIn in Interview)

Eine andere Person schildert die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt als verbessert, jedoch noch nicht gänzlich frei von Einschränkungen für bestimmte Jugendliche. Sie spricht von strukturellen Diskriminierungen:

„Strukturelle Diskriminierung kommt schon vor, das schlägt sich beispielsweise schon auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Wobei das jetzt, wo sich der Arbeitsmarkt wieder etwas entspannt hat und wieder mehr Lehrstellen da sind, wieder etwas besser geworden ist. Aber in der Regel war es so, dass die Schüler, wenn sie hier von der Schule gingen, immer wieder in der Warteschlange sind, in vom Arbeitsamt finanzierten Maßnahmen, (…). (…), es gibt so viele verschiedene Maßnahmen, die sich an die Schule anschließen, wo sie im Grunde auch wieder den Hauptschulabschluss machen könnten, sie also im Grunde doppelt machen, wo andere Hauptschüler ja direkt in eine Ausbildung gehen. Das war unseren Schülern nicht vergönnt, da ihre Bewerbungen keine Aussicht auf Erfolg hatten. Im letzten Schuljahr, durch die rückläufigen Schülerzahlen und die verbesserte Arbeitsmarktsituation, hatten immerhin schon ein paar Schüler direkt Ausbildungsstellen gefunden. Auch im aktuellen Jahrgang weiß ich von Zweien schon, dass sie schon eine Ausbildungsstelle haben. Das war vorher eher die absolute Ausnahme, dass mal jemand eine Ausbildung direkt nach dem 10. Schuljahr beginnen konnte und nach dem Förderschulabschluss nach 9 sowieso nie. Manchmal haben sie etwas gejobbt aber meistens nur sporadisch. Von daher ist auch die gesellschaftliche Teilhabe im Sinne einer beruflichen Eingliederung doch etwas eingeschränkter, durchaus auch im Sinne einer strukturellen Benachteiligung. Wenn sie dann nur das L für Lernbehinderung haben, und nicht noch eine körperliche oder geistige Einschränkung mit dabei ist, bei geistigen Handicaps besuchen sie ja eh die G- Schulen, aber wenn Körperbehinderung noch hinzu kommt, haben sie auch extrem schlechte Chancen, selbst bei sehr gut ausgestatteten Ausbildungsstätten.“ (Aussage von ExpertIn in Interview)

Wie sieht es aber konkret bei den befragten Jugendlichen aus? Nur ein kleiner Teil von ihnen hat schon versucht, den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten. Insgesamt haben vier Jugendliche eine Ausbildung begonnen, eine andere Person erzählt davon, dass sie schon eine Zusage für einen Ausbildungsplatz im Sommer 2013 hatte. Alle anderen Jugendlichen erzählten nicht von irgendwelchen Bemühungen, sich bereits um einen Ausbildungsplatz bemüht zu haben.

Zwei von den vier Jugendlichen, die schon in Ausbildung sind, machen diese in einem Betrieb, in dem auch schon andere Familienangehörige arbeiten, eine weitere Person hat durch ein erfolgreiches Praktikum den Zugang zum Ausbildungsbetrieb gefunden. Eine Person erhielt den Ausbildungsplatz ohne persönliche Kontakte, hatte jedoch im Bewerbungsprozess persönliche Unterstützung. Alle vier sind junge Männer, die vorher auf eine Gemeinschaftsschule gegangen sind und dort den (qualifizierten) Hauptschulabschluss erreicht haben. Niemand von ihnen hat einen Migrationshintergrund.

Fünf weitere Jugendliche haben die allgemeinbildende Schule bereits verlassen und besuchten zum Zeitpunkt der Interviews ein Berufsbildungszentrum. Zwei von ihnen besuchten vorher die Förderschule, drei die Gemeinschaftsschule, eine Person hat die Schule ohne Schulabschluss verlassen, eine mit Förderschulabschluss, zwei mit Hauptschulabschluss und eine Person mit Realschulabschluss. Es sind vier Mädchen und ein Junge, drei von ihnen mit Migrationshintergrund. Im Prinzip versuchen alle ihren Schulabschluss zu verbessern, bzw. überhaupt einen zu erreichen.

Zwei Jugendliche beschreiben, dass sie die Entscheidung auf Anraten der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters getroffen hätten, eine, weil sie sich an ihrer Schwester orientiert hätte. Eine Person beschreibt die eigene Motivation folgendermaßen:

„Das ist nichts Besonderes. Ich habe mir nichts gesucht, was speziell ist, was mich interessiert hat. Sondern einfach irgendwas. Was nicht zu anstrengend ist, aber auch nicht was ganz Langweiliges.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Inwieweit es den Jugendlichen gelingt, ihre Ziele eines verbesserten Schulabschlusses zu erreichen, kann aufgrund der vorliegenden Befragung nicht überprüft werden. Eine befragte Expertin, äußert jedoch grundsätzlich Zweifel daran, wie weit der „schulische Aufstieg“ gehen kann.

„Rein formal ist den Schülern der weitere Schulweg offen, d.h. sie könnten theoretisch die mittlere Reife machen und sogar studieren. Ich glaube praktisch, also ich habe bisher noch keinen Schüler gekannt, der jetzt nach seiner Zeit hier (der Förderschule; Anm. Verf.) das Abitur gemacht hätte, mittlere Reife, da weiß ich von einem.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein, würden jedoch an einer gelungenen Bildung hängen. Einige Jugendliche hätten aufgrund des Migrationshintergrundes oder des kulturellen Hintergrundes deutliche Nachteile:

„Integrationshindernisse entstehen natürlich auch durch einen Migrationshintergrund, also durch ihren Status. Wir hatten hier auch eine Menge Sinti und Roma an der Schule und natürlich alle anderen Bevölkerungsgruppen, aber bei den Sinti und Roma war es sehr oft so, dass ab einem bestimmten Alter, die Eltern es nicht mehr so wichtig finden, dass Schüler die Schule besuchen, vor allen Dingen bei Mädchen war da so ein Cut mit der Pubertät. Ab dann war es zu gefährlich, die Mädchen nach draußen zu schicken und dann war Schulverweigerung sehr regelmäßig gewesen. Auch bei den Jungs wurde da nicht mehr so viel Wert darauf gelegt, dass sie regelmäßig die Schule besuchen. (…) Dadurch, dass sie nicht oft in die Schule kommen, werden die Noten natürlich schlechter, die Fehltage mehr und darunter leidet dann auch die gesellschaftliche Teilhabe. Das sind alles so Teufelskreise, in denen sie stecken. Die, die in Elternhäusern mit nicht deutscher Sprache aufwachsen, Türken oder Kurden z.B., die erst relativ spät die deutsche Sprache lernen, die haben dann dadurch schon schlechtere Startbedingungen, was sich dann weiter durchzieht, auch wenn sie die Sprache irgendwann dann quasi perfekt beherrschen, mit Dialekt. Das sind dann auch Hemmnisse.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Neben solchen strukturellen Barrieren, sehen manche jedoch auch ein Desinteresse der Jugendlichen sich mit dem Übergang in Ausbildung zu beschäftigen. So sagt eine interviewte Person, dass die Jugendlichen, mit denen sie zu tun hat, keine Ausbildung finden,

„(…) allerdings nicht unbedingt, weil es keine Ausbildungsplätze gäbe, sondern vielmehr weil sie sich nicht für das Angebot interessieren. Oftmals wissen sie auch nicht genau was sie wollen und was es vor allem überhaupt gibt und entscheiden sich daher für die weiterführenden Schulen, Berufsschulen anstatt einer Ausbildung. Daran liegt es glaube ich, also mehr am Interesse als am Angebot.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

An den Schulen gibt es eine Reihe von Berufsorientierungsangeboten:

Genannt werden z.B.:

  • Externe Ansprechpartner aus Firmen in den Abgangsklassen
  • Berufseinstiegsbegleitung
  • Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Schulen
  • Projekt „Zweite Chance“
  • Projekt „Ausbildung jetzt“
  • Beratung über weiteren Weg nach Ende der Schule durch Lehrkräfte

An einer Schule gibt es die sogenannte „Geniefabrik“, die sich um Schülerinnen und Schüler mit besonderem Beratungsbedarf kümmern soll. Diese Liste ist nicht abschließend, sondern führt nur Nennungen aus den Interviews mit Expertinnen und Experten auf. Eine von ihnen weist jedoch auch explizit auf einen Mangel hin:

„Natürlich vermittle ich an Hilfsdienste, wie ‚Ausbildung Jetzt‘ usw. und mache auch immer Angebote zu dem Thema Beruf und was man mal werden möchte, in Zusammenarbeit mit Lehrern. Aber einfach mal jemanden begleiten, zu einem Ausbildungsbetrieb, jemandem über die Schultern schauen beim Bewerbung schreiben, gerade bei denen, die das noch nicht so gut können oder bei Praktika, vermitteln und mit hin gehen, ein bisschen mehr Begleitung, das wäre wichtig, auch weil die Eltern es oftmals nicht können, sei es aus zeitlichen Gründen, weil sie berufstätig sind oder aus den eben benannten Gründen, weil sie eben in ihrem Bildungsniveau auch nicht so fit sind oder weil sie so viele Kinder haben, dass sie sich erst mal um die ganz Kleinen kümmern müssen, die noch mehr und augenscheinlicher Hilfe benötigen und die das dann gar nicht erkennen, das ihr Kind in dem Bereich Hilfe überhaupt benötigt.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Auch die Jugendzentren unterstützen die Jugendlichen im Bereich Berufsorientierung. Sie helfen ihnen bei Bedarf beim Schreiben von Bewerbungen, bei der Suche nach Praktika oder geben ihnen Tipps, wo man sich hinwenden kann.

Als Resümee für den Arbeitsmarkt lässt sich festhalten, dass die allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt für Jugendliche besser als noch vor einigen Jahren eingeschätzt wird. Inzwischen gilt es nicht mehr als ungewöhnlich mit einem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Allerdings wird gerade auch an den interviewten Jugendlichen, die schon einen Ausbildungsplatz haben, deutlich, dass diese in der Regel über persönliche Netzwerke gefunden wurden. Verfügt jemand nicht über diese Netzwerke und hat keinen guten Schulabschluss, dann besteht die große Gefahr, dass der Ausbildungsmarkt für diese Person verschlossen bleibt. Hier muss befürchtet werden, dass die Hilfsangebote zur Berufsorientierung nicht ausreichend sind, um Jugendlichen ohne guten Schulabschluss zu einem gelungenen Übergang zu verhelfen.

2.6. Nutzung des öffentlichen Raumes

Die beiden untersuchten Sozialräume sind sehr unterschiedlich strukturiert. Zur Beschreibung, wie der öffentliche Raum von den Jugendlichen genutzt wird bzw. genutzt werden kann, sollen hier zunächst die Eindrücke aus den Sozialraumbegehungen vorgestellt werden:

2.6.1 Dudweiler

Der Bezirk Dudweiler ist geprägt durch eine Vielzahl unterschiedlichster kleiner Handwerksbetriebe und Dienstleistungsunternehmen, Großunternehmen oder Industriebetriebe findet man hingegen kaum. Dudweiler gilt als ein „Studentendorf“, da viele Studierende auf Grund der Nähe zur Saarbrücker Universität hier wohnen.

Die Vereinslandschaft Dudweilers ist sehr vielfältig und es gibt insgesamt 170 Vereine, die auf der Internetseite des Rathauses mit Ansprechpartner zu finden sind. Einige wenige sind aktiv im Bereich der Jugendarbeit. Der Bezirk Dudweiler ist vermehrt von Armut und Kinderarmut betroffen. (Angabe des Amtes für Statistik und Wahlen der Landeshauptstadt Saarbrücken 2012) Hierzu zählt besonders der Bezirk Dudweiler Mitte.

Schon zu Beginn des Projektes „QuarteT“ gab es ein großes Bemühen der Stadtverwaltung mit diesem Problem umzugehen. Es wurde mit vielen professionellen Beteiligten – soziale Fachkräften, Wohnungsbaugesellschaft und PolitikerInnen – eine Stadtteilkonferenz durchgeführt, mit dem Ziel die Auswirkungen dieser Armut aufzufangen. Gefordert wurde von einigen unter anderem ein Gemeinwesenprojekt, welches in der geforderten Form nicht realisiert wurde. Stattdessen wurde im März 2014 das Kinder- und Elternbildungszentrum Dudweiler – KIEZ am Anger-Projekt im Jugendhilfeausschuss genehmigt. Ein weiteres öffentliches Thema ist das Thema Jugendkriminalität. In den Medien – Saarbrücker Zeitung; Dudweiler Blog – werden Jugendliche immer wieder mit dem Etikett delinquent versehen. Es wird berichtet, dass die Kriminalität der Jugendlichen in Dudweiler ständig steigt. Tatsächlich lässt sich dies aber an Hand der Statistiken der Polizei nicht belegen, wie eine Nachfrage ergab. Öffentliche Wahrnehmung und tatsächliche Straftaten scheinen hier auseinander zu gehen.

Beim Besuch des Stadtteiles bemerkt man die Bemühungen der Verwaltung das Image einer Studenten- und Mittelstandsstadt zu erhalten. Bei den Begehungen herrschte in der Ortsmitte eine rege Geschäftsmäßigkeit. Junge Mütter mit Kindern sowie ältere Personen im Rentenalter, die Kleinsterledigungen tätigten, prägten das Stadtbild. Es waren kaum private Unterhaltungen oder nicht zielgerichtete informelle Treffen zu beobachten. In der Fußgängerzone sind zahlreiche Leerstände gewerblicher Flächen zu verzeichnen, die zum Teil verwahrlost wirken. Viele Leerstände gibt es auch in der Dudo-Galerie, die aber nicht direkt ins Auge fallen, da der Betreiber die Leerstände weiterhin pflegt und die Schaufenster mit Bildern dekoriert. Die gewerbliche Nutzung sticht durch eine große Anzahl von Secondhand – Läden und Dienstleistern hervor. Gaststätten gibt es nur wenige. Größtenteils sind diese in einem eher trostlosen Zustand (keine Außenbereiche oder ansprechende Einrichtung). Auffallend war auch die generelle Abwesenheit von Franchise-Unternehmen wie Ditsch, Ecker, McDonalds, Subways und kleineren Fastfood- Betrieben (Pizza, Kebab) in der Ortsmitte. Obwohl die Begehungen an sehr warmen Tagen stattfanden, waren alle Wasserzufuhren zu Brunnen und ähnlichen Anlagen wie einer Spielplatzeinrichtung und dem Wasserspiel gegenüber dem Dudo-Parkplatz abgestellt. Dies vermittelte einen eher trostlosen Eindruck.

Auch die Wohnsituation zeigt sich ambivalent. Fast flächendeckend stehen in Dudweiler–Mitte moderne und gepflegte Gebäude in direkter Nachbarschaft zu stark verwahrlosten und renovierungsbedürftigen Gebäuden.

Das Angebot an Spielplätzen, Sitzmöglichkeiten und Grünanlagen ist hoch und in gepflegtem Zustand. Unterscheiden kann man hierbei die innerstädtischen Flächen, die übergepflegt und sehr reißbrettartig konzipiert erscheinen, die darüber hinaus aber nur sehr wenige Aneignungsspuren von Jugendlichen oder Kindern aufzeigten und die etwas abgelegeneren Flächen, die weniger geplant und gepflegt aussahen, dafür aber wesentlich mehr Gebrauchsspuren aufwiesen und genutzt und angeeignet waren.

Nach Gesprächen entstand der Eindruck, dass Kinder und Jugendliche diese und andere öffentlichen Plätze in der Ortsmitte eher unattraktiv finden. Sie kennen sie, nutzen sie manchmal, bleiben ihnen aber lieber fern. Es ist nicht so, dass sie von der Kommunalverwaltung dort Auflagen für den Aufenthalt bekommen, sondern sie meiden diese Orte aus anderen Gründen oder treffen sich dort, weil sie andere Vorzüge bieten. Zum Beispiel treffen sich Jugendliche nicht auf dem Dudoplatz, weil der Ort attraktiv ist, sondern weil er ein Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs ist und ein Ort, an dem man sich gut treffen kann, auch um weiteres zu planen. Der Bürgerpark am Anger als weiteres Beispiel wird von vielen Jugendlichen gemieden, da sich dort junge Erwachsene und ältere Personen mit Konfliktpotential aufhalten. Ansonsten herrscht die Meinung: „was sollen wir denn da?“ Die Jugendlichen nutzen Räume, an denen sie sich weitestgehend ungestört aufhalten können z.B. Skatanlage; Bolzplatz zwischen Jägersfreude und Herrensohr; Sitzgruppe in der Nähe der Minigolfanlage; zwei Waldhütten eine mit Weiher; Spielplatz in der Sudstraße.
Im untersuchten Sozialraum befinden sich zwei Schulen. Die Grundschule Turmschule verfügt über ein ansprechendes Angebot an Sitzmöglichkeiten und Spiel- und Sportbereichen. Die Angebote inklusive einem offenen Multifunktionsfeld und einem ansprechenden Spielplatz, sowie einer Halbarena sind für Kinder bis 14 Jahre zur freien Nutzung erlaubt. Abends wird der Schulhof jedoch verschlossen.

Die Gesamtschule Sulzbachtal Dudweiler dagegen war mitsamt der beinhalteten Spiel- und Sportgelegenheiten außerhalb der Schulzeiten der Öffentlichkeit nicht zugängig. Der Schulhof erschien im Bereich zur Sulzbachtalstraße wenig ansprechend und wurde von Betonflächen dominiert. Das angeschlossene Multifeld war verschlossen und wurde nur von der Schule genutzt. Im Laufe des Projektes wurde das Multifeld auch auf Initiative des Projektes bis in den späten Abend hinein für alle geöffnet.

Die Dichte an Seniorenzentren und Kindergärten bzw. Kindertagesstätten erscheint hoch. Beratungsangebote an Senioren fielen überdurchschnittlich stark auf. Nicht auffällig dagegen sind Beratungsangebote freier Träger für Familien und Jugendliche. Nichtkommerzielle spezielle Angebote für Jugendliche bieten das Jugendzentrum Dudweiler sowie die Jugendräume an der Kirche St. Marien. Daneben gibt es noch das Freibad Dudweiler und das Dudobad.

2.6.2 Quierschied

Quierschied war geprägt vom Bergbau und hat dramatische strukturwirtschaftliche Veränderungen erfahren. Beispielsweise ist die Zahl der sozialpflichtig versicherten Personen am Arbeitsort von 1999 bis 2009 um 2346 Personen gesunken. Dennoch hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Personen am Wohnort nicht relevant verändert. Die Veränderung beträgt hier minus 114 Personen. (Gemeinde Quierschied 2011, S. 10)

Diese Zahlen zeigen, dass die Menschen weiterhin einer Beschäftigung nachgehen, aber nicht mehr unbedingt in Quierschied. Für die Gemeinde bedeutet dies indes ein Verlust von Einnahmequellen und zusätzlicher Kaufkraft. Die Gemeinde hat insgesamt eine schlechte finanzielle Situation mit einem defizitären Haushalt. Um dem Defizit zu begegnen wurde 2011 das Hallenbad geschlossen. (ebd., S. 44)

Quierschied zeigte sich bei insgesamt drei Begehungen sehr belebt. Es waren morgens Beschäftigte des Bauhofes anzutreffen, sowie Handwerker, die ihrer Beschäftigung nachgingen. Quierschied hat insgesamt gesehen Dorfcharakter. Es dominieren außerhalb des direkten Ortskernes gepflegte Einfamilienhäuser mit Vorgärten. Nahe dem Ortskern waren die Häuser von alter Bausubstanz und einige wurden gerade renoviert. Je entfernter die Häuser zum Ortskern sind, desto jünger werden die Immobilien.

Mehrere Personen waren mit der Pflege ihrer Häuser und Gärten beschäftigt. Quierschied machte einen in sich geschlossenen, teilweise auch abgeschotteten Eindruck. Mit unserer Kamera wurden wir mehrmals misstrauisch beäugt. Aus Gesprächen mit und unter Einwohnern ging hervor, dass man in Quierschied durchaus ein Auge aufeinander hat. Die Einkaufsstraße wurde hauptsächlich von Senioren genutzt, die sich insbesondere an der einzigen Außensitzgruppe, einer Eisdiele aufhielten. Einige wenige Jugendliche hielten sich nicht zur ihrer Freizeitbeschäftigung im Dorf auf, sondern gingen einer Tätigkeit oder Arbeit nach.

Die Infrastruktur erscheint recht dicht. Es gibt mit Wasgau und Rewe zwei größere Einkaufskomplexe in unmittelbarer Nähe der Ortsmitte. In der Einkaufsstraße findet man Bäckereien, Bankfilialen, eine Postfiliale und das Rathaus. Dennoch fallen in der Einkaufsstraße einige Leerstände auf, die jedoch keinen verwahrlosten Eindruck machten. Auch einige Handwerks- und Gastronomiebetriebe finden sich sowohl zentral in der Ortsmitte als auch in den Wohngebieten. Quierschied hat auch eine gute Infrastruktur im Gesundheitsbereich, es finden sich Ärzte, Fachärzte, Apotheken, Physiotherapeuten und Fitnessstudios.

Auch das Vereinsleben in der Gemeinde Quierschied wird von allen Seiten als rege angesehen. Es gibt 165 Vereine, einige mit Nachwuchssorgen. Manche versuchen dem durch Gründungen von Kooperationen zu entgehen, beispielsweise die Fußballvereine. Die Vereine insgesamt stehen für kulturelle Veranstaltungen: Konzerte, Sommerfeste, Ausstellungen, Sportfeste. Auch das „Wambefescht“, die Martinikirmes und der Weihnachtsmarkt stehen und fallen mit der Beteiligung der Vereine.

Für Kinder und Jugendliche gibt es institutionalisiert in Quierschied selbst folgende Einrichtungen:

  • Drei Kindertagesstätten mit 30 Krippenplätzen und 158 Kindergartenplätzen, wobei aber nur die gemeindliche mit 20 Krippenplätzen und 21 Kindergartenplätzen bis 17 Uhr offen steht, die beiden kirchlichen schließen um 14 Uhr
  • Eine Grundschule Lasbach mit etwa 230 SchülerInnen
  • die Gemeinschaftsschule Schule Taubenfeld mit 11 Klassen
  • zwei Sporthallen
  • zwei Sportplätze Kunstrasen und Rasen
  • vierzehn Spielplätze, keiner in der Ortsmitte
  • drei Bolzplätze, von denen nur der Bolzplatz Lasbachtal ins Auge fällt
  • eine öffentliche Bücherei
  • ein Freibad
  • ein Beachvolleyballfeld im Freibad
  • ein kommunales Jugendzentrum mit zwei hauptamtlichen MitarbeiterInnen
  • eine ehrenamtliche Kinder- und Jugendbeauftragte der Gemeinde
  • ein Multifeld, das von jungen Menschen gerne genutzt wird. Es war über Monate versperrt. Auch auf Grund seiner Lage in der Nähe zur Gemeinschaftsschule, zu zwei Kindertagesstätten und zum Altenheim – kommt es immer wieder zu Streitigkeiten

Bei den Begehungen fiel auf, dass repräsentative Flächen wie Grünanlagen, Wege, Rathausvorplatz etc. gereinigt und gepflegt werden. Graffitis beziehungsweise Tags werden regelmäßig entfernt. Es befinden sich gesäuberte und teilgesäuberte Flächen beispielsweise an Stromkästen. Auch die von Schulkindern gestaltete Unterführung wurde von Graffitis gesäubert und gegen illegale Graffitis nanotechnisch behandelt.
Andere nicht repräsentative Areale dagegen wirken verwahrlost, verschmutzt und deuten teilweise auf Vandalismus hin. Beispielsweise der Bürgerpark insgesamt – Grillplatz, Minigolf, Basketballkorb – das Gelände hinter der Gemeinschaftsschule oder die Wiese hinter dem Bolzplatz Lasbachtal, die voller Hundekot war.

Oberflächlich betrachtet bietet Quierschied ideale Treffpunkte für Jugendliche an, die einerseits abgelegen genug sind um Anwohnern nicht negativ aufzufallen, andererseits aber auch nahe genug an Einkaufsgelegenheiten liegen und zudem über ausgiebige Beschäftigungsgelegenheiten (Bolzplatz ohne Überdachung und Sitzmöglichkeit, Bürgerpark mit asphaltiertem Bereich, Grill mit Schwenker, überdachte Sitzgelegenheiten) verfügen. Auffallend ist, dass diese Treffpunkte augenscheinlich nur wenig genutzt werden. Obwohl diese Orte immer wieder genannt wurden (Bürgerpark, Bushaltestelle Wasgau und Wenzelwiese), erscheinen sie dennoch ausgestorben. Jugendliche berichten immer wieder davon, von diesen Plätzen vertrieben worden zu sein.

Offensichtlich dagegen wird die Anwesenheit Jugendlicher an Orten, die wenig ansprechend sind und kaum Beschäftigungsmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten bieten. Dies gilt insbesondere für bestimmte Gebiete nahe der ERS und an der Unterführung. Diese Plätze liegen abgeschottet und bieten gute Versorgungsmöglichkeiten (Getränkemarkt, Wasgau, Rewe). Diese Plätze sind nach Aussagen der Jugendlichen, mit denen während der Begehungen gesprochen wurde, auch die, die gerne aufgesucht werden, da sie eine gewisse Ruhe vor Erwachsenen gewähren. Aus unseren Befragungen haben wir erfahren, dass es zwischenzeitlich ein „Anlieger frei“- Schild und somit gleichsam ein Verbot der Nutzung der Zugangsstraße um Multifeld / Schulvorplatz außerhalb der Schulzeiten / Kindergartenzeiten gibt. Es wurden bereits Ordnungsstrafen für den Verstoß gegen die Anliegerregelung verhängt. Dort trafen sich besonders am Wochenende junge Menschen mit Kraftfahrzeugen und Roller.
Ein Thema in Quierschied ist der Umgang mit jungen Menschen im Ort. Vandalismus und herumliegender Müll, auch der Alkoholkonsum junger Menschen wird als problematisch gesehen. So kam es zur Beauftragung einer privaten Wachdienstes (WUI), der am Wochenende informelle Treffs der Jugendlichen aufsucht. Dies wurde in Gesprächen mit Jugendlichen während der Sozialraumbegehungen und bei Besuchen in der Schule kritisiert, aber es wurde auch Verständnis dafür aufgebracht, dass die Gemeinde auf diesem Gebiet handelt.

In der Konsequenz sind es die jungen Menschen im öffentlichen Raum, die zum Problem gemacht werden. Dies gipfelte in einem Generalverdacht des Störens der Betriebsruhe und des Diebstahls durch den örtlichen Reweleiter gegen Jugendliche gepaart mit vielen Hausverboten. Dies war für alle Jugendlichen ein Thema.

Wenn die Jugendlichen in den Interviews Dudweiler und Quierschied beschreiben, finden sich durchaus heterogene Ansichten. Generell lässt sich jedoch feststellen, dass es niemanden gibt, der oder die das Gefühl vermittelt, sich in der Nutzung des öffentlichen Raumes in einem beklagenswerten Maß eingeschränkt zu fühlen. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Kritik geäußert wird. Die Äußerungen zum Wohnort lassen sich in verschiedene Kategorien unterteilen:

Sehr positives Verhältnis

Es gibt einige Jugendliche, die ausschließlich positiv von ihrem jeweiligen Wohnort berichten und kaum etwas Negatives sehen. Typische Beschreibungen sind z.B.:

„Das Besondere an Quierschied: Die ganzen Leute eigentlich, wenn man hier herkommt, wird man direkt gut behandelt. Es ist keiner da, der doof macht oder der direkt gegen dich ist, der Stress schieben tut, das ist hier eigentlich alles ganz gut. In Saarbrücken ist das anders, da wo ich vorher gewohnt habe. Da bin ich einmal raus gegangen und direkt ist jeder gekommen ‚Ey, du hast das erzählt, ich schlage dich gleich‘. Das war halt nicht so gut. Hier ist das nicht.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)
„(…)aber so im Allgemeinen, wenn man so nachdenkt ist Dudweiler schon besser, weil man ist unter sich, mit seinen Freunden und kennt jeden besser.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Im Prinzip ist es gut, es gibt aber ein paar Nachteile

Die meisten Jugendlichen haben ein sehr pragmatisches Verhältnis zum jeweiligen Wohnort. Sie benennen positive Aspekte genauso wie negative, sie benennen bestimmte Plätze, auf denen sie nicht gerne sind, dafür andere auf denen sie sich gerne aufhalten.

Typische Äußerungen sind:

„Eigentlich gibt es nichts was ich hier doof finde, es gibt halt so ein paar Ecken, aber da muss man ja nicht unbedingt hingehen sage ich mir immer. Das sind so Plätze, an denen man sich jetzt nicht so wohl fühlen würde, ich jetzt halt nicht.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Es gefällt mir ganz gut. Es ist nicht ein zu großer Ort. Ist nicht so viel Stress wie in der Großstadt. Es ist ganz schön. (…), nur was doof ist, dass es hier nicht mal ein kleines Kino gibt, oder irgendwas anderes wo man im Winter mehr machen könnte, wenn man nicht grad schwimmen geht.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Andere sagen, dass zwar einige Dinge in den Orten fehlen – Freizeiteinrichtungen oder Einkaufsmöglichkeiten – dass dies aber nicht so schlimm wäre, weil sie ohne Problem nach Saarbrücken kämen.

„Das ist richtig gut so. Das reicht für uns. Das reicht eigentlich. Wir könnten auch in den Park gehen oder so. Aber im Park chillen andere Leute. Kein Bock. Wir haben unser eigenes Geomatch. Das ist gut so. Wir brauchen nix. Nein wir brauchen nix ich weiß nicht. Ich weiß nicht ich finde es so gut. Wenn wir wohin gehen, gehen wir Gesamtschule oder Turmschule, oder ins Dorf und wenn wir mal in den Park wollen, dann gehen wir in den Park, da will eh kein Mensch von uns hin. Deswegen finde ich Dudweiler braucht‘s nicht mehr als ein paar Geschäfte. Oder ein McDonalds, nein McDonalds haben wir ja auch schon. Nein brauchen nix. Doch ein Burger King. Sonst nichts anders mehr.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Viele der Jugendlichen – egal ob aus Quierschied oder Dudweiler – berichten davon, dass sie für Freizeitaktivitäten nach Saarbrücken fahren. Entweder zum „Shoppen“ oder, um Shisha-Bars zu besuchen oder einfach um Freundinnen oder Freunde zu treffen. Hierfür nutzen sie in der Regel den öffentlichen Nahverkehr, der einigermaßen gut ausgebaut ist.

Exkurs – Öffentlicher Nahverkehr

Die Verbindungen nach Saarbrücken sind insgesamt gut. Von Dudweiler fahren zwei Busse regelmäßig nach Saarbrücken. Tagsüber bis 20.00 Uhr gibt es so alle 15 Minuten einen Möglichkeit in die Stadt zu fahren, danach nur noch seltener, aber bis Mitternacht besteht eine Busverbindung. Umgekehrt verkehrt der letzte Bus von Saarbrücken nach Dudweiler schon um 23.23 Uhr.
Von Quierschied kann man Saarbrücken mit der Bahn oder dem Bus erreichen. Mit der Regionalbahn beträgt die Fahrtzeit lediglich 14 Minuten, diese fährt einmal in der Stunde. Die letzte Bahn fährt um 22.40 Uhr nach Saarbrücken. Umgekehrt besteht die letzte Verbindung um 00.36 Uhr.

Negative Einstellung zum Ort

Eine kleine Gruppe von Jugendlichen spricht jedoch auch deutlich negativ von den Wohnorten. Das fängt mit der harmlosen Einschätzung an, dass es zwar ok sei, auf Dauer aber zu langweilig, weshalb man irgendwann wegziehen müsse, geht weiter über Äußerungen, dass es nichts für Jugendliche gäbe. Es finden sich aber auch Äußerungen, dass manche sich aufgrund anderer Personen im Ort nicht wohlfühlen.

„In Dudweiler laufen eigentlich, wie soll man sagen so Assis rum. Die beklauen meistens welche, machen dumm zu jedem. Klauen sogar in Geschäften. Manche machen sogar doof zu einem und schlagen sich einfach die Köpfe ein.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Dass die einen bedrohen…, dass da meistens Drogen im Spiel sind. Dass so kleine Kinder wie ich zum Beispiel schon rauchen. Also so was ist echt gar nicht gut.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Ich war früher ein paar mal drauf (an einem öffentlichen Ort, Anm. d. Verf.), doch dann wurde dort randaliert, alles mit Graffiti zugesprüht und die Holzlatten von einer Leiter rausgerissen und dann bin ich da weggeblieben.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Wie oben schon erwähnt, wird von einigen Jugendlichen das Ordnungsamt oder der private Wachdienst WUI kritisiert.
Insgesamt kann zusammengefasst werden, dass die Nutzung des öffentlichen Raumes für den Großteil der befragten Jugendlichen nicht in einem sie negativ beeinflussendem Maß eingeschränkt ist. Alle sagen, dass es Räume gibt, in denen sie sich wohl fühlen. Diejenigen, denen das Angebot in Dudweiler und Quierschied zu eingeschränkt ist, breiten ihren Aktionsradius ohne größere Probleme nach Saarbrücken aus.

Insbesondere die letzten Äußerungen deuten aber auch darauf hin, dass manche Jugendliche anderen lieber aus dem Weg gehen. Die mitunter bestehenden Konflikte sollen noch einmal in dem Unterkapitel Anerkennung versus Diskriminierung beleuchtet werden. Zunächst soll es aber noch um die Nutzung von Jugendzentren und Vereinen in Dudweiler und Quierschied gehen.

2.7 Zugang zu Vereinen, Gruppen und Jugendzentren

2.7.1 Vereine/Gruppen

Wie schon oben beschrieben gibt es in beiden Sozialräumen eine Vielzahl von Vereinen. Für Dudweiler wird von 170, für Quierschied von 165 gesprochen. Diese Vielzahl von Angeboten spricht für eine lang gewachsene Vereinskultur. In den folgenden Betrachtungen zum Zugang zu Vereinen soll der Fokus noch geweitet werden. Wir sprechen hier von Vereinen und Gruppen, deren Zugang beleuchtet werden soll. Es sind im Folgenden also Sportvereine, Karnevalsvereine oder ähnliche, aber auch feste Gruppen, wie z.B. die freiwillige Feuerwehr, kirchliche Gruppen, Jugendgruppen bei den Maltesern oder beim DRK gemeint. Von den von uns befragten Jugendlichen ist knapp die Hälfte (17) in Vereinen in diesem weiten Sinne aktiv, zehn von ihnen in Dudweiler, sechs in Quierschied.

Umgekehrt schildern jedoch nur 5 Jugendliche überhaupt, noch nie in einem Verein gewesen, 14 Jugendliche berichten davon, dass sie mal in einem Verein gewesen sind, diesen aber wieder verlassen haben. Die wichtigsten Gründe hierfür sind
• der Mangel an Zeit und
• das Auftreten der TrainerInnen.
Von den 17 Jugendlichen, die aktuell in einem Verein aktiv sind, benennen weitere neun, dass sie auch schon in einem anderen Verein aktiv gewesen wären. Es wird deutlich, dass der Zugang zu Vereinen offensichtlich als offen angesehen wird, niemand äußert irgendwelche Andeutungen, dass er oder sie gerne in einem Verein wäre, dies aber nicht sein kann. Eher scheint es so, dass die Anforderungen, die die Vereine an die Jugendlichen stellen, nicht unbedingt zu allen Jugendlichen passen.

Von den Verantwortlichen in Gruppen und Vereinen wird von ihren Mitgliedern eine bestimmte Art von „konformen“ Verhalten erwartet. Dies meint keine Konformität der Personen, sondern eine Konformität mit den Regeln, denen die Gruppe oder das Angebot folgt. Diese können von Angebot zu Angebot verschieden sein, führen aber dazu, dass ein Angebot nur für bestimmte Personen ansprechend ist. So ist es bei einem die notwendige Konstanz, die eingefordert wird:

„Wenn man in einer Sportart wie meiner etwas erreichen will, kann man nicht ständig nach etwas Neuem streben.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Bei einer anderen Einrichtung kann zwar auch mal etwas Spontanes gemacht werden, danach muss dann aber auch zum ernsthaften Teil des Angebotes zurück gekehrt werden.

„Heute tun wir etwas basteln, aber eines muss euch klar sein, wenn wir eine gewisse Zeit gebastelt haben, müssen wir dann auch wieder etwas lernen.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Ein anderer Verein setzt auf klare Hierarchien und Regeln, die eingehalten werden müssen:

„Man darf ihnen nicht den Rücken zudrehen, hintendran machen sie dann nur Faxen. Wenn man das aber weiß, dann kommt man damit zurecht. Man muss schon sagen, wenn ich dann sage: ‚Hier die Treppe rauf runter, jeder 20 Mal, ich schaue auf die Zeit, dann machen die das schon. Manchmal machen sie auch nur 18, ich sehe das ja von hier. Dann machen sie halt noch 20 Liegestütze zur Strafe. Auf die Art mach ich dann so meinen Spaß und ein bisschen locker, dann funktioniert das schon, das darf man alles nicht so grimmig sehen.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Einige der Verantwortlichen beschreiben auch die Zielgruppe, die besonders kompatibel zu ihren Angeboten sind:

„In unserer Gesellschaft ist eine Schicht mit aktiven Menschen, die setze ich in die Mitte, weil es auch sonst ein Begriff ist: die gesellschaftliche Mitte, dort läuft was. Da entsteht viel Aktivität auch im Sport. Die spielen meist auch noch ein Instrument, also sind geistig aktiv. Und dann gibt es die anderen, die sind einfach bequem, was gar nichts Negatives per se ist. Aber diese Schicht, die aktiv ist, wird immer kleiner.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Diese aktive Mitte ist die Zielgruppe für das hier gemeinte Sportangebot. Während nach Aussage des/der hier interviewten AnleiterIn früher eine Mischung verschiedener sozialer Schichten dieses Sportangebot wahrgenommen hat, werde es nun von den etwas gehobeneren Schichten genutzt.

„Heute ist der Anteil derer, die aus der Unterschicht kommen verschwindend gering. Ich habe ja versucht auch mit den Projekten in der Schule, die da hin zu bringen. Die scheitern daran, dass sie nicht regelmäßig kommen können. Es ist niemand da, der dahinter steht. Die Unterstützung fehlt einfach. Und die Oberschicht, kein Problem,…“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Eine andere Person aus einem anderen Sportverein äußert sich dazu, warum gerade Mädchen nicht die Ruhe haben, sich auf Sportangebote einzulassen:

„Ich sehe 12-jährige Mädchen, die sehen aus wie zwanzig. So leben die aber auch. Das ist ein Problem. Diese Überforderung. Diese Freiheit, dieses freiheitlich Leben können. Freiheit, die verstehen ihre Freiheit nicht. Die sind gefangen in ihren Wünschen, das was jetzt gerade in ist. Und dann handeln sie gegen sich im Grunde genommen und merken das erst später.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Deutlich wird aber auch, dass nicht nur das Verhalten in den Gruppen selbst für eine dauerhafte Aufnahme ist, sondern auch das Verhalten im Sozialraum als solches. So beschreibt ein Trainer, dass auch Jugendliche „rausgeschmissen“ werden, weil „sie draußen sehr aggressiv waren“. Jeder bekäme bei entsprechender Reue zwar auch eine zweite Chance, Rückfälle dürfe es dann aber nicht mehr geben. Die Interviews mit AnleiterInnen und TrainerInnen aus Vereinen und Gruppen macht darüber hinaus deutlich, dass diese für die Jugendlichen, die sich auf das Angebot einlassen auch echte Bezugspersonen werden können. Es entwickeln sich soziale Netzwerke, die zur Stabilisierung der Jugendlichen hilfreich sein können.

Zum einen wird beschrieben, dass man sich bei Jugendlichen, die schon länger kommen, auch sofort kümmert, wenn die mal nicht kommen, dass angeboten wird, bei Problemen zu helfen. Zum anderen wird auch deutlich, dass finanzielle Probleme kein Hindernis darstellen müssen. Vereinsbeiträge können in Einzelfällen auch erlassen werden, bei Ausrüstungsgegenständen wird mit gebrauchtem Material ausgeholfen oder auch mal Geld auf alle umgelegt, damit alle etwas davon haben können. Es wurde in den Interviews nicht explizit erwähnt, aber es ist sicherlich vorstellbar, dass Vereinsnetzwerke auch bei der Suche nach Ausbildungsplätzen hilfreich sein können.

Die AnleiterInnen und TrainerInnen verhehlen jedoch auch nicht ihre Enttäuschung darüber, dass eine solche Unterstützung von den Jugendlichen nicht gewertschätzt wird und es vorkommt, dass sie dann einfach von einem Tag auf den anderen verschwunden sind, ohne sich noch einmal zu melden. Dies würde die Bereitschaft zum Engagement doch merklich erschüttern.

2.7.2 Zugang zu den Jugendzentren

In Dudweiler gehen 11 von 18 der befragten Jugendlichen regelmäßig ins JUZ, in Quierschied sind es 10 von 18. Es kann davon gesprochen werden, dass alle Jugendlichen von der Existenz des JUZ wissen. In erster Linie scheint sich eine Nutzung am Freizeitverhalten des Freundeskreises zu entscheiden. Wenn diese ins JUZ gehen, besuchen die Befragten es ebenfalls, wenn Vorbehalte gegen die anderen BesucherInnen bestehen, kommt ein Besuch nicht in Frage. Es ist sehr deutlich, dass diese Einschätzung nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen muss, sondern auf Erzählungen, denn manche Jugendlichen waren noch nie dort. So sagen zwei Personen z.B.:

„Nein, das liegt halt einfach an den Sachen, die jeder von dem Juz erzählt. Da wären halt voll die Assis und so. Da will ich auch dann erst gar nicht hin.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Ich hab schon mal gehört dass es eins gibt, aber wo es genau ist weiß ich ehrlich gesagt nicht. So wirklich interessieren tut es mich nicht. Von meinen Freunden und Freundinnen macht es auch keiner. Ich kann mir nicht vorstellen wie es dort ist.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Umgekehrt berichten viele derer, die das JUZ besuchen davon, dass einige bzw. alle ihrer FreundInnen dahin gehen und sie sich deshalb auch sehr selbstverständlich im JUZ aufhalten. Das dies auch wechselnd sein kann, beschreibt eine andere Person:

„Ich bin eigentlich wieder jeden Tag im Juz, weil es war ja mal so eine Zeit lang, wo es Juz eigentlich langweilig war und keiner mehr hingegangen ist. Aber jetzt seit ein paar Wochen / Monate ist es halt so, dass man wieder jeden Tag im Juz ist.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Die Worte im vorangegangenen Zitat „es ist halt so, dass man wieder jeden Tag im JUZ ist“ mit der Betonung auf MAN zeigt sehr deutlich diese Peerabhängigkeit. Das folgende Zitat belegt, dass die Einstellungen anderer wichtig, aber auch revidierbar sind:

„Ok ich habe damals mit Ort XY nicht viel zu tun gehabt, weil ich fand es immer ein bisschen assi. Weil es gab eine jugendliche Gruppe, die ist … die sind so eigen, die sind so ein bisschen, weiß nicht. Die trinken jedes Wochenende Alkohol. Aber das sind nur so…die nur auf cool machen wollen, die ihr Prestige zeigen wollen, obwohl sie keins haben…..Ich bin erst vor zwei Jahren mit meinem Freund ins Juz gekommen, der hat mir dann alles gezeigt und es hat mir alles gefallen hier.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Eine andere Person beschreibt es umgekehrt, wenn sie sagt, dass sie früher ab und zu da gewesen wäre, jetzt aber ihre Freundinnen da nicht hingehen würden und sie deshalb auch nicht.

Der Zugang zu den Jugendzentren scheint nach diesen Aussagen jedenfalls gewahrt zu sein, es sei denn, dass die Jugendlichen die eigene Entscheidung treffen mit anderen nichts zu tun haben zu wollen. Wenn man die von uns befragten Jugendlichen nach ihrem Freizeitverhalten hinsichtlich Vereinszugehörigkeit bzw. JUZ und gleichzeitig nach ihrer Problembelastung analysiert, fällt auf, dass acht von neun Jugendlichen mit einer hohen Problembelastung (siehe oben) regelmäßig in das jeweilige JUZ kommen, aber nur zwei von ihnen in Vereinen aktiv sind. Umgekehrt sind in Quierschied nur Jugendliche in Vereinen aktiv, die eine geringe Problembelastung aufweisen.

Tabelle 12: Anzahl Jugendlicher im Sample, die regelmäßig ins JUZ gehen, bzw. aktuell aktiv in Vereinen sind, differenziert nach Problembelastung

Problembelastung

JUZ-GängerInnen

Hoch

Mittel

gering

Dudweiler

Ja

4

2

5

Nein

1

1

5

Quierschied

Ja

4

3

4

Nein

0

0

7

 Vereinsaktivität
aktuell

Hoch

Mittel

gering

Dudweiler

Ja

2

1

7

Nein

3

2

3

Quierschied

Ja

0

0

7

Nein

4

3

4

Auch wenn grundsätzlich von einer Offenheit der Jugendzentren gesprochen werden kann, muss zumindest für Dudweiler festgehalten werden, dass dieses nicht barrierefrei ist und damit nicht für z.B. Jugendliche im Rollstuhl geeignet ist. Wir haben keine Jugendlichen befragt, die deswegen nicht ins JUZ kommen können, es wurde jedoch von den ExpertInnen kritisch angemerkt.

Wie weiter oben schon gesagt, gibt es in beiden Orten nur bedingte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Schwimmbad, Bolzplatz, Multifunktionsfeld sind immer wieder genannte Orte, darüber hinaus sind es eher öffentliche Plätze (an Schulen, im Park, auf dem DuDo-Platz etc.), die als Treffpunkte genannt werden. Über das JUZ wiederum werden gelegentlich Ausflüge in größere Freizeitangebote durchgeführt, die ansonsten für die Jugendlichen schwer zu realisieren wären.

Dasselbe gilt für Jugendfreizeiten in den Sommerferien. Diese werden von den Jugendzentren organisiert. In den Sommerferien bieten sie den Jugendlichen die Möglichkeit ins Ausland zu fahren, z.B. nach Kroatien oder nach Italien. Die Kosten für die TeilnehmerInnen für die letzte Fahrt beliefen sich regulär auf 200,- €. Für einkommensschwache Familien werden die Kosten jedoch teilweise erstattet. Dies ist den betreffenden Jugendlichen auch bewusst. Sie schätzen dieses Angebot. In vielen Interviews mit den Jugendlichen, die das JUZ besuchen, wurden diese Freizeiten erwähnt.

2.8 Konflikte und Diskriminierungserfahrungen

Eine wichtige Ressource für die gesellschaftliche Teilhabe ist die Selbstwertschätzung und die Beurteilung der eigenen Selbstwirksamkeit, das heißt die Einschätzung darüber, wie viel man selbst zur Steuerung von Entwicklungen beitragen kann. Je nachdem wie hoch die eigene Erwartung an die Selbstwirksam ist, desto positiver wird ein Individuum an die Bewältigung einer Aufgabe herangehen, im Glauben, über die notwendigen Ressourcen zur Bewältigung zu verfügen (vgl. Satow 2000, S.12). Um es mit Schwarzer / Jerusalem auszudrücken:

„Um kritische Ereignisse bewältigen zu können, muss man sie zunächst richtig einschätzen oder interpretieren. Wenn man sie zu pessimistisch sieht, führt dies zu einer emotionalen Beeinträchtigung und zu wenig konstruktivem Verhalten. Es wird heute allgemein angenommen, dass unser Verhalten von unseren Gedanken und Emotionen gesteuert wird. Gelingt es, schwierige Situationen günstig zu interpretieren, dann fühlt man sich besser und handelt auch wirksamer. Natürlich soll man sich dabei nicht „in die eigene Tasche lügen“, sondern durchaus realistisch die positive Seite der Situation in den Vordergrund rücken.” (Schwarzer, Jerusalem 2002, S. 31)

Eine Einflussdimension auf diese Selbstwirksamkeitserwartung und damit verbunden die eigene Selbstwertschätzung bezieht sich auf erlebte Konflikte und auf erlebte Diskriminierungserfahrungen. Es ist anzunehmen, dass je eher ich in der Lage bin, Konflikte zu lösen, desto eher kann ich auch in der Zukunft daran glauben, andere Konflikte zu lösen. Dasselbe gilt für Diskriminierung. Je weniger ich aufgrund bestimmter Merkmale ausgegrenzt werde, desto eher kann ich daran glauben, dass bestimmte mir eigene Merkmale nicht negativ wirken werden.

Deshalb wurden sowohl die interviewten ExpertInnen als auch die Jugendlichen danach gefragt, ob sie Ausgrenzung und Diskriminierung erleben. Die Jugendlichen wurden darüber hinaus nach möglichen Konflikten und ihrem Umgang danach gefragt.

Beschreibung Diskriminierung aus Sicht der ExpertInnen

Die Beschreibungen der ExpertInnen sind höchst ambivalent. Fast alle sprechen davon, dass sie Diskriminierungen und Ausgrenzungen erleben, jedoch fast nie in ihrem eigenen Umfeld. Dies macht das Thema schwer greifbar. Besonders deutlich wird dies vielleicht am Beispiel eines Sportvereins, wenn einer der verantwortlichen Personen sagt, dass bei ihnen niemand ausgegrenzt werden würde, es in der Sportart selbst damit kein Problem sei, ob jemand eine andere Hautfarbe oder eine andere Nationalität habe, nur um im nächsten Satz zu betonen, dass, wenn die Gegner kommen, üble Beschimpfungen wegen der Nationalität und der Hautfarbe an der Tagesordnung seien.

Dies geht einher mit relativ starken Zuschreibungen, dass bestimmte alltägliche Beleidigungen oder Beschimpfungen tatsächlich aber nicht diskriminierend gemeint sind.

„Mit dem jugendlichen Sprachjargon darf man sich untereinander auch Nigger und Kanake usw. nennen ohne dass das jetzt die Bedeutung hat, wirklich diskriminieren zu wollen. Das gehört einfach zur Alltagssprache dazu.“ (Aussage ExpertIn in Interview)
„Also für Außenstehende kommt es ständig vor, weil ständig genau solche Wörter fallen. Oder du Jude, du Orthodoxer… Da muss man natürlich auch intervenieren, machen wir auch oft. Aber das komplett zu unterbinden, ist schon fast unmöglich weil‘s halt einfach zur Alltagssprache dazu gehört.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Ohne hier eine Wertung vornehmen zu wollen und zu können, ob diese Einschätzungen so stimmen oder nicht, kann festgehalten werden, dass die Alltagssprache in jedem Fall durch merkmalsbezogene Zuschreibungen geprägt ist.

Wie schwer es den interviewten ExpertInnen fällt, eine eindeutige Position zu finden wird noch ergänzt durch Einschätzungen, dass die Jugendlichen selbst „die Diskriminierungskeule“ nutzen. So beschreibt eine Person, dass Kritik an bestimmten Personen von den Jugendlichen mit den Worten kommentiert werden würde, dass die Kritik doch ohnehin nur geäußert werden würde, weil die Jugendlichen das Merkmal X besäßen und keine Auseinandersetzung mit der Kritik stattfinden würde.

Die Fälle, die von den ExpertInnen eindeutig als Diskriminierung eingestuft werden, beziehen sich hingegen am ehesten auf Jugendliche, die wenig Geld haben und sich somit viele Dinge nicht leisten können, und auf Jugendliche von Förderschulen.

Schilderungen zum Thema Armut, bzw. zu Ausgrenzungen aufgrund der Tatsache, sich bestimmte Kleidung nicht leisten zu können oder bestimmte Handys nicht zu besitzen, ziehen sich durch sehr viele Schilderungen der ExpertInnen.

„Das was am meisten an mich heran getragen wird, das sind die Kinder, die vom Outfit her nicht so entsprechen, sei es von der Kleidung her oder auch vom generellen Aussehen her. Also die Kinder, die nicht so aussehen, wie man aussehen sollte, wie auch immer das ist. Das ist schon ein großes Problem.“ (Aussage ExpertIn in Interview)

Auch wenn es von sehr vielen berichtet wird, scheint es am ehesten ein Problem zu sein, dass in der Schule verstärkt auftritt. In den Freizeiteinrichtungen, in denen offensichtlich eher homogenere Gruppen zusammen kommen, ist zwar Armut auch ein Thema, entweder weil Jugendliche die Ausrüstung nicht bezahlen können, nicht genug gegessen haben oder an bestimmten Freizeitaktivitäten nicht teilnehmen können. Dies wird jedoch nicht im Zusammenhang mit Ausgrenzung unter den Jugendlichen selbst berichtet. Dies kommt häufiger im Umfeld Schule vor.

Nicht flächendeckend aber sehr eindeutig wird davon gesprochen, dass Förderschüler und Förderschülerinnen oft beschimpft werden und auch sehr darunter leiden.

„Sie werden gedisst draußen von andern Menschen, von anderen Kindern. Also dann wird direkt gesagt: Du bist ja auf der Dummenschule, du kannst ja gar nichts. Dann wissen sie sich nicht mehr zu helfen und oft verweigern sie sich dann und gehen nicht mehr hin oder es gibt dann Verhaltensprobleme […]“(Aussage ExpertIn in Interview)

Zwar wird eingeschränkt gesagt, dass auch dies oftmals einfach nur so daher gesagt wird, aber dass sehr deutlich sei, dass die betroffenen Jugendlichen sehr darunter leiden würden.

Beschreibungen zu möglichen Diskriminierungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen gibt es in jedem Fall nur im Bezug auf andere Einrichtungen. So wird von außerhalb der Schule betont, dass es Lehrkräfte geben soll, die bestimmte SchülerInnen diskriminieren und genauso wird eine Altersdiskriminierung gegenüber den jungen Menschen in den jeweiligen Sozialräumen gesehen. Diese bezieht sich darauf, dass das jugendliche Verhalten nicht akzeptiert wird, weil es zu laut sei oder anderweitig zu auffällig sei. Hierdurch würden den Jugendlichen Räume genommen, an denen sie sich frei bewegen könnten.

Wie aber empfinden die Jugendlichen die Situation?

Zunächst muss betont werden, dass sich die Jugendlichen an vielen verschiedenen Orten aufhalten. Zum einen den direkten Nahraum im Sozialraum, in dem zumindest für Quierschied gesagt werden kann, dass jeder jeden kennt. Die Jugendlichen aus dem Ort kennen sich aus dem Kindergarten oder spätestens aus der Grundschule. Viele der Kinder besuchen anschließend die Gemeinschaftsschule. Die Jugendlichen haben unterschiedliche Treffpunkte, aber die Gruppen sind nicht streng getrennt und verfeindet, sondern man hat einfach andere Interessen und lässt den anderen in Ruhe. Örtlichkeiten werden zwar bevorzugt, aber es werden keine Orte gemieden. Ein Mädchen hat dies prägnant ausgedrückt:

„Ich kenne die meisten hier eigentlich, also, die in meinem Alter, die hier immer so unterwegs sind, da weiß ich meistens immer wer es ist und da habe ich auch keine Angst oder so.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Gleichzeitig bewegen sich die Jugendlichen aber auch in der Schule unter deutlich mehr als nur den Jugendlichen aus dem Ort, sie bewegen sich in Saarbrücken und anderen Ortschaften des Regionalverbandes. Das heißt neben einem relativ geschützten Nahbereich gibt es für alle Jugendliche absolut ungeschützte Räume.

Aus Sicht der Jugendlichen werden viele Konflikte, bzw. diskriminierende Vorfälle geschildert. Nur in wenigen Einzelfällen sagen Jugendliche, dass sie noch nie mit bekommen hätten, dass eine Person diskriminiert worden sei. Dies gilt sowohl für die Schule als auch den Freizeitbereich. Gerade aus der Schule werden viele Fälle geschildert, in denen einzelne Personen „gemobbt“, „gedisst“ oder diskriminiert worden seien. Erzählt wird von einem gezielten Fertigmachen („Ey, hau ab, wir haben keinen Bock auf Dich“, „Guck mal wie die aussieht“) weil jemand anders ist. Dieses anders kann sich auf die Kleidung, auf die Körperstatur, auf die Nationalität oder viele andere Merkmale beziehen.

„Ganz oft werden die Dickeren gemobbt oder die, die nicht viel Geld haben, keine Markensachen oder so. Dann auch noch die, die aus anderen Ländern kommen,(…).“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Neben dem direkten Beschimpfen und Deutlich-Machen, dass man mit einer bestimmten Person nichts zu tun haben möchte, wird auch das Mobbing über das Internet beschrieben:

„Cybermobbing…auf die Pinnwand schreiben: du bist hässlicher als eine Ratte, fetter wie ein Walross.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Die Gründe, weshalb die Jugendlichen hier Mobbing oder blöden Sprüchen ausgesetzt waren sind Migration, Hautfarbe, bestimmte Auffälligkeiten und das Nicht-Mitmachen-Wollen wenn die Anderen rauchen und trinken. Es wird auch sehr klar davon berichtet, wie unangenehm das Gefühl der Ausgrenzung ist.

„Also am Anfang war das sehr sehr schlimm. Ich habe mich gefragt Wieso bin ich anders? Wieso bin ich so und so und so?“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„(…)also hier gibt’s im Juz auch ein paar wenn man mit denen draußen im Dorf rumläuft, dann machen die viel kaputt oder fangen an mit Rauchen oder Trinken das ist halt Scheiße und wenn man dann nicht mitmachen will sagen sie immer so Memme oder so […]“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Ja wegen meiner Auffälligkeit X (die aus Anonymitätsgründen nicht genannt werden soll) (…)Und früher haben mich ein paar Leute damit runter gemacht. Aber jetzt nicht mehr. (…) Schlimm, also schlechtes Gefühl, weil ich nix dafür kann.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Bei mir in der Klasse wird öfters gemobbt. Wir haben einen etwas Kräftigeren in der Klasse. Und der wird dann öfters mal gemobbt, wo ich immer schon sage: Hört auf. Weil der hat schon öfters geheult wegen denen (…).“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Neben den Erlebnissen im eigenen direkten Umfeld werden auch Erlebnisse aus dem Straßenbild geschildert, wie die Jugendlichen erleben, dass Behinderte beschimpft werden, Obdachlose verprügelt werden oder Frauen mit Kopftuch dieses vom Kopf gerissen wird. Dies sind keine Regelfälle, das heißt das sind keine alltäglichen Vorfälle, sie sind aber offensichtlich auch nicht so selten, dass sie absolute Ausnahmen sind. Einzelne Mädchen erzählen, dass sie Opfer von körperlichen Belästigungen geworden sind.

Aber nicht nur untereinander werden Diskriminierungen berichtet. Wie schon oben erwähnt fühlen sich einige der Jugendlichen von den im Ort ansässigen Erwachsenen teilweise unerwünscht. Gleichzeitig werden aber auch einzelne Lehrkräfte als rassistisch bezeichnet. Sie würden Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich schlechter behandeln.

Zu all diesen Schilderungen über Diskriminierung und Mobbing kommen viele Erzählungen, dass Konflikte – auch mit bekannten Jugendlichen – nicht selten mit Gewalt „gelöst“ werden. Dies ist nicht die Lösung der Wahl, die Schwelle ist aber auch nicht sehr hoch.

„An der alten Schule „welche aus unserer alten Klasse haben einen Bub (auch aus der Klasse) halt zusammengetreten, auf den gespuckt, auf dem Klo, das war sau eklig.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Wenn man Streit untereinander hat oder zu anderen Klassen, dann geht man eigentlich nicht zu den Lehrern, sondern klärt das selbst, geht dann hin und spricht mit denen. Es gibt halt welche, die schlagen einfach drauf, es gibt welche, die schreien, es gibt welche, die provozieren, ist halt unterschiedlich. Ich hatte bis jetzt, wenn ich Probleme mit jemandem habe, dann gehe ich auf ihn zu und mache: ‚was soll das?‘ bla bla bla, aber ich mache dann nicht direkt: ‚ey du B…, was soll das?‘. Das kommt erst ins Spiel, wenn die auf mich zukommt, total aggressiv, und pöbelt mich direkt an. Dann wird man halt auch selbst direkt aggressiv. Das passiert ab und zu mal.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Wenn das dann immer noch nicht aufhört und die dann immer noch weitermacht, dann geht man halt auf sie los. Also ich knall jetzt nicht direkt drauf, ich schrei die halt zuerst an, was das soll, also halt wie wir halt sind, dann gehen dann mehrere Leute mit.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Oder im Dorf gab es auch schon `ne Schlägerei zwischen meinem Freund und andern, dann haben die vorher was getrunken, die andern nur so ne Flasche Mixery, also nicht meine Gruppe, aber denen ihre Gruppe und dann haben die mit Mixery Flaschen nach uns geworfen. Dann hab ich halt zwei Stück abbekommen ja und dann hat der mit dem ich Stress hatte den geschlagen (Nasenbruch und Platzwunde) und dann hab ich den festgehalten…wir haben die dann festgehalten.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Diese Schilderungen sollen nicht suggerieren, dass alle befragten Jugendlichen selbst Gewalt ausüben oder gutheißen. Es soll nur verdeutlichen, dass es für viele der Befragten nichts Unnormales ist, wenn sich Gleichaltrige Prügeln, dass auch mal die Polizei kommt. Spätestens dann, wenn andere ihnen selbst gegenüber aggressiv werden, ist für einige der Jugendlichen körperliche Gewalt durchaus nicht ungewöhnlich. Eine typische Form der „Konfliktbewältigung“, die von vielen Jugendlichen beschrieben worden ist, lautet: „Da halte ich mich raus!“ Am liebsten gehen sie, wenn Konflikte drohen, diesen aus dem Weg, versuchen weiter zu gehen oder nicht auf Provokationen zu antworten (manche geben jedoch auch zu, dass sie selbst zu denen gehören, die gelegentlich provozieren).

Diese Form der Nicht-Auseinandersetzung führt gerade im Zusammenhang mit Diskriminierungen und Mobbing dazu, dass diese kaum unterbunden werden kann. Zwar schildern einige Jugendliche, dass sie im engeren Kreis auch schon mal auffordern, dass Beleidigungen oder Mobbingaktivitäten unterlassen werden sollten, aber tendenziell ist eher eine Einstellung zu verzeichnen, dass man sich aus solchen Dingen lieber heraus halten möchte.

Dies steht im klaren Gegensatz zu den ganz überwiegenden Einstellungen zu Diskriminierung und Mobbing. Fast einhellig wird betont, dass unterschiedliche Merkmale von Menschen wie Nationalität, Behinderung, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Körpergewicht oder ähnliches keine Rolle bei der Beurteilung eines Menschen spielen sollten. Typische Äußerungen sind:

„Naja, ich bin jetzt nicht so rassistisch, das ist doch genau das gleiche, wie wenn jemand eine Behinderung hat, wenn er nicht richtig deutsch kann. Ich meine der kann ja nichts dafür, ist ja trotzdem ein Mensch.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Wie ich letztens im Schwimmbad war, da waren auch so Leute, die kenne ich aber nicht. Da war halt ein Behinderter, ein Gehbehinderter, die haben den ausgelacht und so. Das finde ich gar nicht in Ordnung, der hat sich auch nicht selbst gemacht, der kann nichts dafür und ist auch nur ein Mensch wie jeder andere.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Trotzdem fällt es offensichtlich schwer, gegen Diskriminierung oder Mobbing etwas zu unternehmen. Eine Person sagt sehr offensiv, dass sie auch schon mal beim Christopher Street Day gewesen sei und ihre Bekannten kritisiert, wenn sie über Schwule oder Lesben lästern. Die befragte Person sagt ihren Bekannten dann, dass sie dann auch etwas gegen sie haben müssten, weil sie bisexuell sei. Dies ist aber leider eher die Ausnahme.

Diskriminierungen scheinen nach den Äußerungen der Jugendlichen vollkommen normal und auch wenn die Jugendlichen das eigentlich kritisieren, sehen sie nur wenig Chancen daran etwas ändern zu können.

Ein Jugendlicher, der selbst von Diskriminierung betroffen ist, sagt dies auch ganz offen:

„Draußen die Eltern, der Gegner die sagen irgendwas, aber sonst. Die machen dann immer doof, aber sonst… ey das ist halt so. Das ist normal, das bist du gewohnt.“

Selbst äußern sich nur wenige Jugendliche diskriminierend. Gelegentlich gibt es Schilderungen der Abneigung gegenüber der angeblichen Widernatürlichkeit von Homosexualität, sonst werden direkt keine diskriminierenden Äußerungen getätigt.

Aus all diesen Schilderungen zu den Themen Diskriminierung, Mobbing und Umgang mit Konflikten spricht keine sehr hohe Selbstwirksamkeitserwartung im Bezug auf das Lösen von Konflikten bzw. auf den Umgang mit Diskriminierungen.

Bei einigen wenigen Jugendlichen kann davon gesprochen werden, dass sie kein selbstkritisches Gefühl mehr zu Gewalt haben. Sie beschreiben, dass sie immer wieder in Situationen geraten, in denen sie sich gezwungen sehen, zuschlagen zu müssen, obwohl sie selbst vollkommen offen und freundliche zu anderen Menschen sind. Gleichzeitig beschreiben sie eine rigide Abgrenzung gegenüber anderen, angesichts deren die Aussagen, dass sie nicht gegen andere haben, nicht mit der Realität übereinstimmen. Nichtsdestotrotz scheint es ihrem Selbstbild zu entsprechen. Diese Jugendlichen haben von zuhause keine bis wenig Unterstützung. Nicht weil es so viele Konflikte innerhalb der Familie gibt, sondern weil die Eltern selbst nicht in der Lage sind, sie zu unterstützen. Sie bräuchten dringend Unterstützung, gleichzeitig erscheint es schwer überhaupt an sie heran zu kommen, weil sie ein sehr unnahbares und hartes Image für sich aufgebaut haben.

2.9 Mitbestimmung

Als eine wichtige Funktion zur Gestaltung der eigenen Perspektive und der sozialen Umwelt wird die Möglichkeit zur Partizipation angesehen. Um selbst in der Lage zu sein, Perspektiven zu entwickeln und die hierfür notwendigen Entscheidungen für sich zu treffen und sich für die Gesellschaft zu engagieren, ist ein Erleben von Mitbestimmung und –gestaltung unerlässlich (vgl.: Maul, Lobermeier 2009 und Sturzenhecker 2003).

Hierfür kommen verschiedene schon betrachtete Umfelder in Frage: die Familie, die Schule, die Vereine und Gruppen und die Jugendzentren und die lokale Politik.

Wertet man die Antworten der ExpertInnen und der Jugendlichen zu diesem Thema aus, bleibt das Thema schwer greifbar. (Fast) alle empfinden Partizipation als einen positiven Begriff, fast alle haben das Gefühl, viel dafür zu tun, aber das diese Angebote nicht gut angenommen werden. Die Jugendlichen erwecken den Eindruck, dass sie gar kein großes Interesse an Mitsprache haben.

Viele ExpertInnen beklagen dies, wenn sie betonen: wir fragen doch immer, bekommen als Antwort aber immer nur „Keine Ahnung“ oder irgendwelche Vorschläge hingeworfen, die, wenn sie realisiert werden, kaum angenommen werden. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten insgesamt werden von den ExpertInnen sehr positiv gesehen, auch wenn nicht immer klar ist wieso. Außer in einem Sportverein wird überall betont, dass die Jugendlichen relativ viele Mitsprachemöglichkeiten haben.
Die beiden Gemeinden betonen, dass sie großes Interesse an den Meinungsäußerungen der Jugendlichen hätten. Wenn man die Angebote jedoch sieht, die den Jugendlichen gemacht werden, bedeuten diese hauptsächlich eine Komm-Struktur. Wenn die Jugendlichen zur Verwaltung kämen, würden sie auch empfangen. Wenn sie ganz konkrete – und aus Sicht der Verwaltung adäquate – Wünsche äußern würden, könne man über alles reden. Eine Ausnahme bildet ein Stück weit die ehrenamtliche Jugendbeauftragte, die versucht mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Die aber – weil sie ihre Tätigkeit ehrenamtlich ausübt – nach eigener Aussage zu selten dazu kommt. Gerade die Adäquatheit der Wünsche könnte jedoch eventuell einen wichtigen Einfluss darauf ausüben, wie attraktiv eine Mitbestimmung sein könnte. Als ein Beispiel wird genannt, dass Jugendliche sich tatsächlich etwas wünschen würden, z.B. eine Shishabar. Dieser Wunsch wird aber als nicht förderlich für die Jugend angesehen, so dass er in keiner Weise aufgegriffen wird. Dies wird von der Jugendbeauftragten von Quierschied selbstkritisch so benannt. Sie betont, dass es mit Sicherheit einen anderen Eindruck auf die Jugendlichen machen würde, wenn von nun an einmal in der Woche im Jugendzentrum „Shisha-Bar-Abend“ wäre und die Bürgermeisterin zur Einweihung vorbei kommen würde. Es gibt jedoch kein klar definiertes Profil, welche Partizipationswünsche akzeptiert werden und welche nicht.

In den Sportvereinen, in den kirchlichen Gruppen und bei der Feuerwehr beziehen sich die Mitspracherechte auf die konkrete Ausgestaltung von Festen, auf die Frage, was konkret bei Ausflügen gemacht wird, was gebastelt oder gekocht wird, welche Farbe die Trikots haben, in Einzelfällen aber auch auf die Terminierung der Angebote. Um aber an der grundsätzlichen Gestaltung etwas zu ändern, müssten sich Jugendliche in Funktionen einbringen.

In der Schule gibt es ganz unterschiedliche Einschätzungen. Die einen ExpertInnen betonen, dass aufgrund der vielen vorgegebenen Strukturen keine wirkliche Mitbestimmung möglich ist. Die anderen betonen, dass über Einrichtungen wie Klassenrat, SchülerInnenvertretung, VertrauenslehrerInnen Strukturen geschaffen sind, die es den Jugendlichen ermöglichen, ihre Probleme einzubringen und zur Bearbeitung zu bringen. Dies sei sehr positiv zu bewerten, zumal es gerade beim Klassenrat um das Einüben von Mitbestimmung ginge.

In den Jugendzentren gehen die Mitbestimmungsaktivitäten noch ein Stück weiter und umfassen auch die Auswahl an Anschaffungen (z.B. Spiele). Außerdem sollen die Jugendlichen bei der Bestimmung von Ausflugszielen oder bei der Auswahl zu kochender Gerichten mitbestimmen. Teilweise können die Jugendlichen ebenfalls entscheiden, wie bestimmte Räume gestaltet werden, es sind aber beides jeweils explizit keine selbstverwalteten Jugendzentren. Es macht jedoch den Eindruck, dass die Mitbestimmung hier am weitesten geht.

Was aber sagen die Jugendlichen dazu? Sie können zu einem größeren Teil sehr genau wieder geben, welche Spielräume zur Mitbestimmung sie haben. Sie berichten von Projekten in der Schule, vom Auswählen der Trikots, dass sie bei Freundschaftsspielen auch mal die Position bestimmen können, von der Auswahl des Essens im JUZ, von der selbstbestimmten Renovierung eines Raumes, von der Verantwortung, die sie für Dinge übernehmen können, aber nur wenige benennen dies als wichtig. Viele Jugendliche betonen explizit, dass sie nicht gerne entscheiden, dass sie sich lieber heraus halten:

„Ich schaue immer wie meine Freunde mitentscheiden.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Ich pass mich eigentlich lieber an. Ich entscheide nicht so gerne…ich will das nicht so.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„So allgemeine Sachen möchte ich nicht gern entscheiden.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„Es ist so, dass ich mich generell sehr schlecht entscheiden kann, wenn ich etwas zu entscheiden habe.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Neben dieser allgemeinen Unlust zu entscheiden, bzw. mitzubestimmen, gibt es andere die das Gefühl haben, dass man nicht allzu viel machen kann, bzw. dass wenn man etwas tut, dies zu nichts führt. So beschreibt eine Person ihren Unmut, dass das Schwimmbad geschlossen werden soll und sagt, dass sie nicht das Gefühl habe, da mitreden zu können. Sie habe zwar eine subjektive Meinung, objektiv seien die Argumente der Politik nachvollziehbar und sie könne gegen diese Argumente nichts ausrichten.

„Da habe ich nicht das Gefühl, dass man da mitreden kann. Ich kann ja nicht einfach zum Bürgermeister gehen und sagen: ‚Wissen sie was, ich möchte und ganz Dudweiler möchte, dass das Schwimmbad nicht geschlossen wird.‘ Ich meine, es ging ja da drum, die haben einfach kein Geld oder zu wenig Geld. Da können wir ja dann auch nicht einfach sagen: ‚Nein sie dürfen es nicht schließen.‘ Das Geld dafür muss ja schon da sein. Die können ja nicht nicht schließen, nur weil wir es sagen. Ich meine, wie wollen die das alles bezahlen?“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Eine andere Person beschreibt relativ genau, wie man eine Unterschriftensammlung machen könnte, dass das aber ohnehin nichts bringen würde:

„Wenn man so was machen will, dann schreibt man einen Zettel, eine Liste und wenn genug Stimmen da sind, dann machen die das. Aber es wird eh nicht gemacht. So was haben wir schon mal gemacht. Das hat nicht funktioniert. Ich hatte das mit organisiert aber ich habe keinen Bock mehr….Das war schon mal so, da wollten sie das Dudweiler Schwimmbad zu machen, da hat irgendeine Mutter von irgend so einem Mädel hatte so eine Liste, da haben alle unterschrieben und die haben wir alle abgegeben. Und da hat das Freibad nicht zugemacht. Aber jetzt geht es doch zu. Das war vor zwei Jahren. Ich habe sowieso gewusst dass das nicht lange hält. Das ist jetzt doof, aber mich juckt es jetzt auch nicht mehr. Jetzt kann ich auch nach Saarbrücken gehen.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Wiederum eine andere Person sagt im Bezug auf schulische Mitsprachemöglichkeiten, dass es zwar die Klassensprecher gäbe, aber es gar nicht einzuschätzen sei, ob die wirklich etwas bewegen könnten. Sie müssten sich ja als erstes überhaupt trauen, etwas gegenüber den Lehrkräften oder der Schulleitung anzumelden. Schon dies sei eine hohe Hürde, ob man dann auch noch darauf eingehen würde, liegt jenseits der Vorstellungskraft dieser befragten Person. Bei ganz konkreten Anlässen wie Klassenfahrten wird dann beschrieben, wie die Lehrkräfte, den SchülerInnen Vorgaben machen und dann in die Entscheidungsfindungen einbeziehen, dies jedoch dann nicht auf Gegenliebe stößt:

„In der Schule, jetzt bei Klassenfahrten will unser Klassenlehrer schon immer, dass wir das entscheiden und abstimmen, damit es hinterher nicht heiße: ‚Ei jo, es waren doch so und so viele für das.‘ Es heißt ja schon oft, wer für das eine ist macht das, wer für das andere ist macht das. Aber im Prinzip soll es schon so sein, dass wir vieles selbst entscheiden können, was wir machen wollen, d.h. die Lehrer geben uns ein paar Sachen vor, wo wir hin gehen könnten und dann müssten wir nur für diese Vorschläge Leute mobilisieren. Ich finde das aber eher nervig, da ist man manchmal einen ganzen Vormittag damit beschäftigt solche Sachen zu entscheiden, ohne dass das jetzt einen nennenswerten Unterschied macht. Eigentlich ist mir das nicht so sonderlich wichtig.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Grundsätzlich sagen andere allerdings auch, dass Mitbestimmung gut und wichtig sei.

„Ich finde Mitbestimmung gut, denn da hat man auch nicht so das Gefühl, unwichtig zu sein. Man hat einfach das Gefühl, man gehört dazu.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

Wie diese Mitbestimmung aber genau aussehen soll, darüber gibt es unter der großen Mehrheit der Jugendlichen keine wirkliche Vorstellung. Es gibt eine Person, die sogar in einer Jugendorganisation einer politischen Partei tätig ist, dies ist aber eine große Ausnahme. Andere übernehmen Verantwortung für die Organisation von Angeboten, aber sich für die Gestaltung des gesellschaftlichen Umgangs untereinander zu engagieren, spielt in der Vorstellungswelt der Jugendlichen so gut wie keine Rolle.

„Nein das will ich nicht, in der Stadt oder so.“ (Aussage Jugendliche/r in Interview)

„I: „Wie wichtig ist es dir, deine Meinung zu sagen?
J: Sehr wichtig.
I: In welchen Bereichen?
J: Keine Ahnung.
I: Freizeit?
J: Ja.
I: Schule/Abschluss?
J: Ja.
I: Politik?
J: Nein.
I: Vereine?
J: Nein.
I: Juz?
J: Ist mir eigentlich egal. Nur wenn es mich direkt betrifft.“ (Interviewpassage mit Jugendlicher/Jugendlichem)

Insgesamt bleibt das Bild eines Dilemmas. Vordergründig gibt es auf der einen Seite viel Bereitschaft der Organisationen, Jugendliche mitbestimmen zu lassen, eingeschränkt durch tatsächliche (rechtliche, finanzielle) oder vermeintliche Grenzen, die die Jugendlichen zu beachten haben.  Vordergründig auf der anderen Seite wenig Interesse der Jugendlichen an Mitbestimmung. Hinsichtlich einer zukünftigen Konzeptentwicklung gilt es die Frage abzuwägen, in wie weit die Unlust der Jugendlichen auf dem Gefühl beruht, dass das Einbringen nichts austrägt. Entweder weil das, was man will, tatsächlich nicht akzeptiert wird oder weil die Kompetenz fehlt zu wissen, wie man sich sinnvoll einbringen kann. Beides ließe sich bearbeiten. Wenn aber tatsächlich kein Bedürfnis nach Mitbestimmung besteht, dann wird die Umwelt eher als Angebotsressource wahrgenommen, aus der man sich das Beste aussucht. Gefällt das Eine nicht mehr kann auf ein anderes Angebot zugreifen. Dann wird es deutlich schwerer, dieses zu bearbeiten und es gälte diese Willensbekundung ebenfalls ernst zu nehmen.

2.10 Fazit: Teilhabe

Zu Beginn dieses Kapitels wurde der Capability Approach vorgestellt. Ziel dieser Lebensweltanalyse war es, zu explorieren, wie es sich mit den Ressourcen, den persönlichen und lokalen Umwandlungsfaktoren der Jugendlichen verhält, was diese für das sogenannte Capability-Set der Jugendlichen bedeutet und welche Teilhabeergebnisse sich feststellen lassen. Hierfür wurden die Bereiche Bildung, Arbeitsmarkt, Nutzung des öffentlichen Lebens, Zugang zu Einrichtungen und Diskriminierung / Konflikte ausführlicher beleuchtet. Nun gilt es ein Resümee zu ziehen, welches Teilhabebild sich für die Jugendlichen der von uns analysierten Altersgruppe 14 – 17 Jahre in den Sozialräumen Dudweiler und Quierschied ergibt.

Bevor dies jedoch geschieht, soll noch ein kurzer Exkurs gemacht werden. Es soll noch ein kurzer Blick auf das Teilhabeverständnis der befragten ExpertInnen geworfen werden. Denn um mit den eigenen Überlegungen anschlussfähig zu sein, muss geprüft werden, ob im lokalen Diskurs über Teilhabe eigentlich über dasselbe gesprochen wird. Wenn nicht, wäre eine Anforderung an eine sozialraumorientierte Konzeptentwicklung der hier im Fokus stehenden Jugendzentren, im lokalen Diskurs eine Verständigung über ein gemeinsames Verständnis von Teilhabe herbeizuführen.

Exkurs Teilhabeverständnis

Die befragten ExpertInnen wurden in den Interviews danach gefragt, was sie selbst eigentlich unter dem Begriff Teilhabe verstehen und wo sie Gefahren der Einschränkung auf Teilhabe sehen.

Aus den Äußerungen wird deutlich, dass je dichter der professionelle Hintergrund an pädagogischen Qualifikationen liegt, desto professioneller wird auch die Definition von Teilhabe definiert. Andere haben mehr Schwierigkeiten mit diesem Begriff, die meisten können aber doch sagen, was Teilhabe für sie bedeutet. Es schälen sich insgesamt vier zentrale Elemente heraus, die manchmal miteinander kombiniert werden, manchmal auch nur einzeln genannt werden:

Teilhabe bedeutet demnach:

Zugang zu

  • Bildung,
  • Kultur,
  • Freizeiteinrichtungen, Vereinen oder ähnlichem,
  • das Dazugehören zu sozialen Gruppen,
  • die Möglichkeit, eigene Pläne zu entwickeln und zu verwirklichen,
  • die Möglichkeit das öffentliche Leben mit zu gestalten.

Viele der ExpertInnen weisen daraufhin, dass insbesondere der Zugang zu Bildung, Kultur und Freizeiteinrichtungen oder Ähnlichem von Teilhabe häufig durch finanzielle Armut begrenzt ist. Viele könnten sich hier ausgegrenzt fühlen (vgl. hierzu auch Abschnitt „Diskriminierung“).

Zweiter wichtiger Punkt der unterschiedlichen Verständnisse war jedoch, dass Jugendliche das Gefühl haben müssen, ihren Platz in Gruppen zu haben. Sei es in Vereinen, in Cliquen, in der Schule, in der Familie, wichtig sei das Gefühl des Angenommen-Seins und des Dazugehörens. Es wurde aber nicht ausgeführt, ob das Dazugehören zu einer Gruppe ausreicht oder ob das Ausgegrenzt-Fühlen aus einer Gruppe bei gleichzeitiger Zugehörigkeit zu anderer Gruppe schon ein ausreichendes Maß an Teilhabe bedeutet.

Der dritte wesentliche Aspekt betraf zunächst die individuelle Fähigkeit überhaupt Pläne zu entwickeln als grundsätzliche Voraussetzung Zukunft gestalten zu können. Damit einher geht die Möglichkeit diese Pläne auch realisieren zu können. Diese Definition ist deutlich prozesshafter angelegt. Nicht nur die statische Frage des Zugangs ja oder nein, bzw. des Dazugehörig-Seins ist Kern dieses Gedankens, sondern Voraussetzung von Teilhabe ist es in der Lage zu sein Pläne zu entwickeln und diese dann auch  realisieren.

Der vierte Aspekt stellt noch einmal stärker auf die Partizipation an Willensbildung und Ausgestaltung öffentlichen Lebens ab. Teilhabe von Jugendlichen bedeutet dann, dass sie in der Lage sein müssen, die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens mitzubestimmen. Das beginnt in der Familie in der sie in der Lage sein müssen Mitspracherechte auszuüben, das geht über die Schule, bis hin zu der Verfügbarmachung und Gestaltung von öffentlichen Plätzen bzw. des Zusammenlebens von BürgerInnen im Gemeinwesen.

Es lässt sich sehen, dass in den Teilhabeverständnissen viele Einzelaspekte eine Rolle spielen, dass jedoch die im Capability Approach immanenten Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen selten eine Rolle spielen.

Der Capability Approach unterscheidet zwischen Ressourcen, äußeren (lokalen / regionalen) und inneren (personalen) Umwandlungsfaktoren, die gemeinsam das Capability Set bestimmen. Dies bestimmt welches Maß an gesellschaftlicher Teilhabe möglich ist. Jedes erzielte Teilhabeergebnis wirkt sich wiederum in unterschiedlichem Maß auf die verfügbaren Ressourcen und Umwandlungsfaktoren aus.

Betrachtet man nun die von uns interviewten Jugendlichen und deren Capability Sets, so sind wir nicht in der Lage diese zu messen. Wir sind jedoch in der Lage uns ein Bild zu machen, von den Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe, die diesen Jugendlichen offen stehen.

Beginnt man mit der Bildung, so konnte deutlich gezeigt werden, dass es in den beiden untersuchten Sozialräumen einen Standardweg zur Erlangung von Bildungsabschlüssen gibt, der zunächst allen offen steht. Auf diesem Weg gehen die Kinder und Jugendlichen zunächst auf die Grundschule und dann auf die jeweils im Ort ansässige Gemeinschaftsschule. Dieser Weg wird von der großen Mehrheit beschritten. Diejenigen davon abweichen, gehen entweder auf das Gymnasium oder sind im Sinne einer Abwärtsmobilität im Verlauf des Weges in eine Förderschule übergegangen. Alle Jugendlichen in unserem Sample, die das Gymnasium besuchten kamen aus Familien, aus denen wenige Konflikte berichtet wurden und die durchgängig nicht als arm bezeichnet werden konnten. Angesichts der Größe unseres Samples lässt dies keine Verallgemeinerung in dem Sinne zu, dass nur Jugendliche aus „heilen“, nicht-armen Familien auf das Gymnasium gehen. Aber es kann sicherlich als deutlicher Hinweis gewertet werden, dass die allgemeine Tendenz, dass die soziale Herkunft den Schulerfolg bestimmt (vgl. Bertelsmann Stiftung, Institut für Schulentwicklungsforschung 2012, Smolka 2005) genauso auch für Dudweiler und Quierschied zutrifft. Ohne familiäre Unterstützung scheint ein Abitur so gut wie unmöglich zu sein.

Umgekehrt besuch(t)en eben diese Jugendlichen bis auf eine Ausnahme nicht die Förderschule. Die Jugendlichen, die aufgrund von abweichendem, nicht zum Regelsystem Schule passenden Verhalten ein Besuch einer Förderschule empfohlen wurde, kamen alle aus problembelasteten und / oder ärmeren Familienverhältnissen.

Der erste Zugang zu Bildung ist nach unseren Befunden also offen, das Bestehen im System scheint jedoch deutlich schwieriger zu sein. Anhand unseres Untersuchungsdesigns konnten wir noch nicht die Inklusionsbemühungen der letzten Jahre mit in die Analyse aufnehmen. Es wird spannend zu beobachten sein, ob eine „Abschulung“ an Förderschulen nachlassen wird und was mit den betreffenden Jugendlichen in der Auseinandersetzung mit dem System passiert. Bei der tiefer gehenden Betrachtung dieser Jugendlichen wurde deutlich, dass diese nicht auf ausreichend familiäre Unterstützung bauen konnten.

Für die außerschulische Jugendarbeit bedeutet dies ein potentielles Betätigungsfeld. Wenn es gelingt, eine intensive Beziehung zu diesen Jugendlichen aufzubauen, können die MitarbeiterInnen der außerschulischen Jugendarbeit im Sinne der erforderlichen Unterstützung eine Ersatzfunktion zur Familie übernehmen. Dies meint nicht, dass die außerschulische Jugendarbeit sich für alle Jugendlichen um deren Bildungschancen kümmern soll, es meint vielmehr eine bestimmte Vertrauensfunktion für die Jugendlichen, die weder die familiäre Unterstützung besitzen, noch durch andere professionelle Unterstützungssysteme aufgefangen werden.

Ähnliches gilt für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Hier ist zu beobachten gewesen, dass der generelle Zugang offensichtlich in den letzten Jahren wieder etwas entspannter wird. Während es in Zeiten eines ausgesprochen angespannten Ausbildungsmarkts schwierig war, mit einem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu erhalten, scheint dies aktuell wieder einfacher möglich zu sein. Inwieweit dies auch für Jugendliche mit Förderschulabschluss gilt, lässt sich aus unserem Sample nicht sagen, weil diese Jugendliche in unserem Sample sich noch nicht um einen betrieblichen Ausbildungsplatz bemüht hatten, sondern sich maximal in einem Berufsbildungszentrum befanden.

Trotzdem erscheint der Weg in eine Ausbildung insbesondere für die Jugendlichen mit maximal einem Hauptschulabschluss in der Regel nicht über das klassische Bewerbungsschreiben abzulaufen, sondern darüber, dass entweder persönliche Netzwerke bemüht werden, die einen bei der Heranführung unterstützen oder über erfolgreiche Praktika oder ähnliche Betriebskontakte, in denen sich die Jugendliche, den BetriebsinhaberInnen bzw. Personalverantwortlichen empfehlen konnten. Auch hier kann außerschulische Jugendarbeit eine Funktion wahrnehmen, indem genau die Jugendlichen unterstützt werden, die nicht über besonders gute schulische Abschlüsse verfügen, nicht die relevanten Netzwerkkontakte besitzen und die noch nicht durch Betriebskontakte eine Chance für sich erschließen konnten.

Die genannten Unterstützungsnetzwerke und die damit verbundenen Ressourcen sind unter den Jugendlichen ausgesprochen ungleich verteilt. Während manche hier sowohl die Familie als auch andere Verwandte, FreundInnen und Lehrkräfte als Ressourcen mobilisieren können, können andere zwar auf familienexterne Unterstützung zurückgreifen, wieder andere sind jedoch fast ausschließlich auf sich allein gestellt.

Die Unterstützung, die die einzelnen Jugendlichen aus dem System Schule erhalten, scheint sehr stark von den individuellen Einstellungen und dem Engagement der Lehrkräfte abzuhängen, bzw. inwieweit sie Unterstützung von den an den Schulen angesiedelten SchulsozialarbeiterInnen bekommen.

Der Zugang zu Vereinen und Gruppen scheint zunächst einmal für alle Jugendlichen offen zu stehen. Bei keiner der befragten Personen gibt es Anzeichen davon, dass sie in einem Verein oder einer Gruppe teilnehmen wollen würde, dies aber nicht kann, weil es finanziell nicht darstellbar wäre oder sie das Gefühl hätte, dass sie nicht erwünscht wäre. Wer dort dann jedoch mitmachen möchte, muss sich bestimmten Regeln unterwerfen, die nicht für alle attraktiv sind, weshalb viele bestimmte Vereine und Gruppen ausprobiert haben und auf eine weitere Teilnahme verzichtet haben. Diese Regeln werden von den aktiven Vereinsmitgliedern entwickelt und drücken somit auch deren Vorstellungen und Haltungen aus. Dies kann dazu führen, dass Personen, die andere Vorstellungen haben oder in ihrem Verhalten in Konflikt zu diesen Vorstellungen kommen, relativ schnell wieder das Angebot verlassen. Dies ist deutlich einfacher, als sich darauf einzulassen, die Vorstellungen innerhalb des Vereins und damit das Angebot zu verändern. Insbesondere die Jugendlichen mit hoher Problembelastung sind in unserem Sample aktuell kaum noch in Vereinen anzutreffen. Hier greift ein Ausschluss aufgrund des Andersseins, der formal nicht als verschlossener Zugang angesehen werden kann. Trotzdem führen herrschende Normalitätsvorstellungen dazu, dass den Jugendlichen, die diesen nicht entsprechen, subtil ausgeschlossen werden. Hierfür ist keine aktive Ausgrenzung nötig, in diesem Prozess gehen die „Anderen“ von alleine, weil sie sich nicht wohl fühlen werden. Ohne es aus den vorliegenden Interviews belegen zu können, liegt die Vermutung nahe, dass die Offenheit des Angebotes der Jugendzentren dazu führt, dass sich genau diese Jugendlichen dort wohl fühlen, denen die anderen Angebote nicht zusagen. Andere wiederum, die sehr gut zu den erwarteten Normen in den Vereins- oder Gruppenangeboten passen, dann eher Schwierigkeiten mit den Jugendlichen in den Jugendzentren haben.

Die gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen beißen sich auch an anderer Stelle mit der Lebensrealität der Jugendlichen und schränken in Teilen ihr Leben ein, z.B. bei der Frage, wo man sich in der Freizeit aufhalten kann. So fühlen sich manche Jugendliche von bestimmten Orten vertrieben und insgesamt von den Erwachsenen im Ort pauschal als zu laut beurteilt.

Normvorstellungen der Jugendlichen und der sie umgebenden Umwelt sind auch die Ursache für beschriebene Diskriminierungserfahrungen. Insbesondere die Abweichung von bestehenden Idealvorstellungen (zu dick, zu normal, nicht Deutsch, homosexuell, behindert, bestimmte Dinge nicht mitmachen wollen, nicht auf der richtigen Schule sein usw.) führen dazu, dass Jugendliche von anderen Jugendlichen ganz massiv ausgegrenzt werden. Dies führt bis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Diese Diskriminierungserfahrungen aufgrund von Abweichungen von bestimmten Normen bleiben aber nicht auf die Ebene von Jugendlichen untereinander beschränkt, sondern werden auch zwischen Erwachsenen und Jugendlichen beschrieben.

All diese Ausgrenzungserfahrungen haben eine Wirkung auf die Selbstwahrnehmung und die Selbstwirksamkeitserwartung, die wiederum erhebliche Auswirkungen auf das eigene Handeln hat. Hier wirken externe und interne Umwandlungsfaktoren zusammen und bestimmen so das Capability Set der Jugendlichen.

„Wird der Wunsch von Heranwachsenden, in einer befriedigenden sozialen Umwelt mit anderen zu leben, nicht erfüllt oder verweigert, werden Ausgrenzung, Abweisung und Mobbing erlebt, führt das unter anderem zu Sozial- und Versagensangst, Stress und Wut, zum Teil mit dramatischen Folgen…“ (Heckt 2010, S. 21)

Genau diese Folgen können wir bei einzelnen Jugendlichen beobachten, bei manchen dramatischer, bei anderen weniger dramatisch. Bei einigen können wir eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung beobachten, die dazu führt, dass bestimmte Möglichkeiten kaum noch gedacht werden, weil sie für einen nicht in Betracht kommen oder zu kommen scheinen. Bei anderen können wir einer großen Person Wut und nach außen gerichtete Aggression.

Diese Auswirkungen führen zu verminderten Teilhabemöglichkeiten. Die Offene Jugendarbeit kann hier tätig werden, um die Jugendlichen bei der Ausweitung ihres Capability Sets zu unterstützen und ihnen so mehr Verwirklichungsmöglichkeiten eröffnen helfen.

„Eine capabilities-orientierte Kinder- und Jugendarbeit würde sich folglich auf die Analyse der Bedingungen und auf die Beiträge zur qualitativen und quantitativen Erweiterung der realen, praktischen Möglichkeits- und Fähigkeitsoptionen ihrer AdressatInnen richten, sich effektiv für die Verwirklichung unterschiedlicher, wertgeschätzter Funktionswiesen entscheiden zu können (…).“ (Oelkers 2011, S. 18).