Auszüge aus der Begrüßung von Regionalverbandsdirektor Peter Gillo

Einen schönen guten Morgen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Zum zweiten Mal in dieser Woche beschäftigen wir uns von Seiten des Regionalverbandes Saarbrücken mit Teilhabechancen. Vorgestern hatten wir hier eine Fachtagung zum Thema Kinderarmut und unserem Umgang mit Kinderarmut und heute also speziell zum Thema Teilhabechancen für Jugendliche – gerade auch für Jugendliche aus den benachteiligten Regionen und sozialen Räumen des Regionalverbandes Saarbrücken und natürlich in Deutschland, in unserer Gesellschaft.

Quartett habe ich immer gerne gespielt. Da ging es darum, welches Schiff hat die meisten Bruttoregistertonnen vorzuweisen, wie viele PS usw. Mal gewinnt man, mal verliert man. Viele Jugendliche in unserer Gesellschaft haben im realen Leben die Möglichkeit nicht, Quartett so zu spielen, dass sie auch die Chance haben, am realen Leben in einer positiven Weise teilzunehmen. Es ist unsere Aufgabe als Regionalverband Saarbrücken, als Jugendhilfe, als Jugendamt in der Jugendarbeit, auch der freien Jugendhilfe, darüber nachzudenken und Ansatzpunkte zu finden, die Teilhabechancen benachteiligter Jugendlicher zu verbessern.

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Der heutige Fachtag ist eine Veranstaltung, die im Rahmen eines XENOS- Projektes stattfindet. Wir sind dabei eines von vier Projekten innerhalb des Verbundes „QuarteT- Quartiere eröffnen Teilhabe“. Neben unserem gibt es noch die Teilprojekte der Fachstelle Antidiskriminierung und Diversity beim BFW, das Projekt Jupp der Gemeinde Schmelz und das Teilprojekt des Verbandes saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung – juz united. Da sind auch Vertreterinnen und Vertreter heute hier. Die drei Partner verfolgen mit ihren Projekten ebenfalls das Ziel, benachteiligende Faktoren für Jugendliche zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, die diesen Benachteiligungen entgegenwirken und da gibt es Möglichkeiten das zu tun.

Wir müssen das nicht akzeptieren, die ewigen Kreisläufe sozialer Benachteiligung, die Vererbungskreisläufe. Wir können die Welt mit der Jugendarbeit zwar nicht aus den Angeln heben, wir können Benachteiligungen nicht beseitigen mit Jugendhilfe oder noch so vielen Sozialarbeitern. Dafür brauchen wir andere Dinge, andere politische Ansätze, Einkommensgerechtigkeit, Steuergerechtigkeit, Zugang zu den Arbeitsmärkten usw. Statt dessen müssen wir umgehen mit den Verhältnissen, die wir bzw. die Jugendlichen vorfinden.

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Die Förderung durch das XENOS-Programm bot uns hierfür die Möglichkeit. Wir konnten für die Durchführung des Projektes ein Team mit einem Umfang von 1,5 Stellen beschäftigen und außerdem eine wissenschaftliche Begleitung des Projektes beauftragen.

Ich möchte Ihnen kurz die wichtigsten Akteure in unserem Teilprojekt vorstellen:

Das sind:

Tobias Heckmann und Pia Meiers-Heisel. Sie sind ProjektmitarbeiterInnen.

Nils Pagels aus Göttingen. Er begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Veronica Grindle hat die Projektidee entwickelt und die fachliche Leitung für das Projekt.

Ziel des Projektes war einerseits, zu klären und zu verdeutlichen, wie offene Jugendarbeit zur Verbesserung der Verwirklichungschancen junger Menschen beitragen kann aber auch, wie sie ihre Praxis weiterentwickeln muss, um dies zielgenauer erreichen zu können. Eine Ausgangsüberlegung des Projektes war, dass Faktoren oder Strukturen im Sozialraum zu Benachteiligung bzw. Diskriminierung beitragen. Deshalb interessierten wir uns in erster Linie für die Handlungsbedarfe, die sich für eine sozialraumorientierte Jugendarbeit auftun. In diesem Zusammenhang machten wir uns außerdem auf die Suche nach AkteurInnen in den Sozialräumen, die dafür gewonnen werden konnten, gemeinsam daran zu arbeiten, dass Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen erhöht und Diskriminierungen abgebaut werden können.

Zunächst konzentrierte sich das Projekt auf zwei von 15 möglichen Sozialräumen, in denen wir kommunale offene Jugendarbeit in Jugendzentren betreiben. Ausgewählt wurden ein Sozialraum mit einer dörflichen Struktur, Quierschied, und ein Saarbrücker Ortsteil, Dudweiler, der in den letzten Jahren eine erhebliche Armutsentwicklung erfahren hat. Die Erfahrungen im Projekt sollten dann auf ihre Generalisierbarkeit hin überprüft und perspektivisch im gesamten Regionalverbandsgebiet umgesetzt werden.

Um die Lebenslagen der Jugendlichen zum Ausgangspunkt aller Planung zu machen, war eine Lebensweltanalyse der Sozialräume Dudweiler und Quierschied Grundlage des Projektes. Diese und die Schlussfolgerungen daraus wird Ihnen jetzt gleich Nils Pagels, aus Göttingen, der die wissenschaftliche Begleitung des Projektes inne hatte, vorstellen. Erste Schlussfolgerungen aus der Lebensweltanalyse haben schon Eingang in die Konzeptionen der Jugendzentren Dudweiler und Quierschied genommen und werden dort aktuell erprobt.

Der Titel der Fachtagung „Wenn ich das Meer sehen will, kann ich auch ins Schwimmbad gehen“ geht auf die Aussage einer Jugendzentrumsbesucherin zurück. Der Satz fiel in Zusammenhang mit der Frage, warum dieses Mädchen nicht in die Sommerfreizeit eines Jugendzentrums am Meer mitfahren wollte. Das Mädchen überlegte im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass sie durch die Möglichkeit, mit dem Jugendzentrum ans Meer zu fahren, eine Sehnsucht in sich wecken würde. Sie sah in dieser einen Reise die einzige Möglichkeit für sich, je ans Meer fahren zu können. Statt mit der Sehnsucht nach dem Meer weiter zu leben, wollte sie es dann lieber nie sehen. Ein Ausflug ins Schwimmbad sei für sie Meer genug, vielleicht sogar das Meer schlechthin.

Für sie schien wichtig, so unsere These, den Blick auf ihre Möglichkeiten zu richten, die für sie erreichbar sind und die sie selbsttätig in ihre Alltagswelt integrieren kann. Mit dieser Bewältigungsstrategie kann sie, so unsere weitere Interpretation, die Beschränkung, die Armut bedingt, aus ihrem Erleben von Welt ausklammern. An dieser Stelle endete das Gespräch zwischen Mitarbeiterin und Mädchen nicht. Das Mädchen entschied sich im Endeffekt tatsächlich dafür, ihre Ferien im Schwimmbad zu verbringen. […] Wir haben diesen Satz, „Wenn ich das Meer sehen will, kann ich auch ins Schwimmbad gehen“ ausgewählt, weil er uns mit seiner traurigen Poesie sehr berührt hat.

Diese kleine Geschichte ist Beispiel einer wichtigen Aufgabenstellung in der Jugendarbeit: Durch die Arbeit mit nichtprivilegierten Jugendlichen sind Ausschluss, Diskriminierung, existenzielle Sorgen, Selbstwertprobleme oder Teilhabebeschränkung immer zentrale Themen in der Jugendarbeit. Offenheit und Aufmerksamkeit für die Themen von Jugendlichen zu haben und sie bei ihrer Selbstvergewisserungsarbeit zu begleiten.

Nils Pagels wird Ihnen jetzt im Anschluss das Design und die Ergebnisse der Lebensweltanalyse und die Schlussfolgerungen, die wir für eine teilhabeorientierte Jugendarbeit ziehen, vorstellen. Von den Fachvorträgen von Herrn Professor Linder, Frau Duveneck und Frau Bodenmüller erwarten wir dann weitere Impulse zur Weiterentwicklung der Professionalität in der Jugendarbeit, Ideen zur Standortbestimmung in der Kooperation innerhalb von Bildungslandschaften und Denkanstöße für Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen im öffentlichen Raum. All dieses wollen wir weiter denken, erproben, weiter entwickeln und schließlich in unseren Konzeptionen der Jugendzentren aufnehmen.

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Tag!